Experten sehen aber noch viel Erklärungsbedarf
Händler über VW-Strategieschwenk erleichtert

Volkswagen hat die Weichen gestellt. Mit einem neuen Mann an der Spitze und ebensolchem Konzept will Deutschlands größter Autobauer Fehler der Vergangenheit wettmachen.

afp WOLFSBURG. Zwar soll der langjährige Konzernlenker Ferdinand Piëch erst im April kommenden Jahres den Stab an Bernd Pischetsrieder abgeben, am Freitag wurde im Aufsichtsrat aber schon der Strategieschwenk des Ex-BMW-Chefs durchgewunken. Über Jahre vergraulte Händler schöpfen nach in diesem Jahr oft mauen Verkäufen nun Hoffnung. Branchenkenner sehen für das neue Konzept, das die Neuordnung der VW-Marken in zwei Gruppen vorsieht, aber noch viel Erklärungsbedarf.

"Der Fehler bei VW war bisher, mit seiner Plattformstrategie in allen Marken die gleichen Fahrzeugkonzepte zu bauen", sagt Ferdinand Dudenhöffer, Leiter des Instituts Center Automotive Research an der Fachhochschule Gelsenkirchen. Der seit 1992 den Konzern lenkende Piëch gilt als Pionier der Plattformstrategie in der Branche. Dabei werden möglichst viele Autos im Konzern auf der gleichen technischen Basis gebaut. Das spart einiges an Kosten und wurde deshalb zunächst auch an der Börse stark honoriert.

Die Probleme zeigten sich aber nach und nach im Verkauf. Die Modelle von VW, Audi und Seat wurden sich immer ähnlicher. Bei den Händlern stehen damit oftmals quasi identische Autos auf den Höfen. Viele Kunden verstanden nicht, warum sie für viel Geld einen Golf kaufen sollten, wenn sie für weniger ein vergleichbares Modell von Seat bekommen konnten. Selbst innerhalb der Marken lagen die Modelle zu dicht beieinander. "Wozu braucht man den Bora?", fragt Dudenhöffer und verweist auf die Ähnlichkeit zum Golf.

"Kannibalisierung" unter den Modellen

Unterhalb des Golfs sei die Palette "einfach zu geballt", klagt ein Händler. Das führe zu "Kannibalisierung" unter den Modellen. Gleichzeitig seien in den vergangenen Jahren wichtige Trends verschlafen worden. Schmerzlich sei unter anderem gewesen, dass nach dem Auslaufen des Golf Cabrio erst im kommenden Jahr Ersatz kommen soll. Auch mit von vielen Konkurrenten aufgegriffenen Trendfahrzeugen wie großräumigen Familienwagen, zweisitzigen Roadstern oder geländegängigen Komfortautos können die Händler keine neuen Kunden in ihre Verkaufshallen locken. Sie gibt es im VW-Konzern schlicht nicht.

Piëch hat selbst längst gemerkt, dass er mit seiner Plattformstrategie an Grenzen stößt und leitete eine schrittweise Wende ein. Nach und nach wurde das Konzept auf die Ebene von Bauteilen heruntergebrochen. Statt der gemeinsamen Verwendung von kompletten Chassis für mehrere Modelle steht jetzt die Nutzung von gleichen Komponenten wie Lichtmaschinen im Vordergrund. Das spart zwar nicht so viel an Kosten, macht aber auch die in der Autowerbung äußerst wichtige Markenidentität nicht kaputt.

Noch im Schatten von Piech will Pischetrieder die Abkehr von dem bisherigen Konzept nun durch die Teilung in zwei Bereiche noch deutlicher machen. Die Gruppe mit eher sportlichen Autos soll künftig Audi, Seat und Lamborghini umfassen, die Klassiker sind VW, Skoda, Bugatti und Bentley. Dudenhöffer findet die Zweiteilung an sich noch nicht unbedingt revolutionär. "Was heißt denn sportlich?", fragt der Autoexperte. "Das ist ein bestimmtes Karosserie-Konzept. Die Frage ist, wie die interne Organisation aussieht. Dem einen nur die rote Farbe zu geben und dem anderen die silberne, reicht nicht."

Image in Gefahr

Auch bei Pischetsrieders Strategie bestehe die Gefahr, das Image der einen oder anderen Marke anzukratzen, sagt Dudenhöffer. "Es ist fraglich, ob man Audi einen Gefallen tut, wenn man die jetzt mit Seat zusammentut. Da kann es interessanter sein, vier Marken herauszuheben und diese dadurch stärker zu differenzieren."

Über Pischetrieders Detailpläne war in den vergangenen Wochen viel spekuliert worden. Für einen Aufschrei bei den Händlern sorgten Berichte, der 53-Jährige wolle auch den Vertrieb nach dem neuen Konzept umorganisieren. "Einen Audi-Händler zum Verkauf von Seats zu bringen, wäre völlig hirnrissig", schimpft ein Betroffener. Erleichtert habe die Händlerzunft deshalb jüngste Äußerungen Pischetsrieders aufgenommen, das zumindest im Vertrieb alles beim Alten bleibt.

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