Experten sehen deutsche Versicherungswerte kritisch
Allianz-Aktie – Nur für schwindelfreie Anleger

Von der jüngsten Erholung an den Börsen haben Versicherungstitel überdurchschnittlich profitiert. Doch ihre Abhängigkeit vom Aktienmarkt ist unterschiedlich groß. Als besonders spekulativer Wert gilt die Allianz - einst der Inbegriff des Soliden. Wer weniger Risiko sucht, sollte sich im europäischen Ausland umschauen.

HB DÜSSELDORF. Allianz-Chef Henning Schulte-Noelle ist als guter Tennisspieler bekannt. Beim Blick auf den Aktienkurs seines Finanzkonzerns braucht er zurzeit allerdings eher die Talente eines Bungee-Springers. Seit Jahresanfang verlor die Allianz-Aktie trotz der Erholung in den vergangenen Wochen mehr als 50 % - nur die Hypo-Vereinsbank, Epcos und MLP schnitten noch schlechter ab. Ganz anders das Bild, wenn man nur eine Monatsspanne zurückschaut: Hier gehörte die Allianz mit einem Zuwachs von mehr als 40 % zu den besten zehn Dax-Titeln. Viele europäische Versicherungstitel zeigten einen ähnlichen Schleuderkurs.

Ist der richtige Moment zum Einstieg in die Versicherungstitel schon vorbei? Und welche Aktie sollte man auswählen? Die Antwort hängt davon ab, wie die Entwicklung der Börse eingeschätzt wird. Die meisten Versicherer reagieren überproportional darauf, aber nicht alle im gleichen Ausmaß.

Zunächst ein Blick auf die Urteile der Analysten: Die Allianz hat zurzeit nur wenige Freunde. Nach dem Notenschema der JCF Group (veröffentlicht bei onvista), das von 1 (starker Kauf) bis 5 (Verkauf) reicht, liegt der Durchschnitt der Allianz-Empfehlungen bei schwachen 2,94. Dagegen finden sich für viele Konkurrenten Werte um 2,5 und für die französische Axa sogar 1,97. Freilich gilt: Häufig sind Aktien mit guten Analystenurteilen längst zu teuer und solche mit schlechten bieten noch eher eine Einstiegschance.

Gegen den Strom schwimmt die WestLB. "Wir gehen davon aus, dass die großen Anbieter gestärkt aus der Krise hervorgehen", sagt Thorsten Karbaum. Sein Haus billigt der Allianz ebenso wie der Münchener Rück überdurchschnittliche Chancen zu. Die Axa sieht er dagegen kritisch, vor allem das Vermögensmanagement, wo er eine enge Abstimmung der Anlagefristen im festverzinslichen Bereich auf die voraussichtlichen Zahlungsverpflichtungen "nicht zu erkennen vermag".

Merrill Lynch hat hingegen in dieser Woche eine Verkaufsempfehlung für die Allianz bekräftigt. Auch die Investmentbank Fox-Pitt, Kelton bleibt skeptisch. Ihr Analyst Bob Yates befürchtet, dass die Allianz als Neunmonatsergebnis einen Verlust von rund einer Milliarde Euro bekannt geben wird. Zu stark ist der Versicherer vom schwachen deutschen Aktienmarkt abhängig, dazu kommen die Probleme bei der zum Konzern gehörigen Dresdner Bank. "Die Allianz ist teuer", meint Yates. Sie notiere beim Doppelten ihres "Embedded Value", der Durchschnitt der Branche liege bei nur 1,3.

Dieser Embedded Value misst den langfristigen Wert der abgeschlossenen Versicherungsverträge. Er kann stark mit der allgemeinen Börsenentwicklung schwanken - bei der Allianz, die relativ hohe Aktienbestände hat, ist dies besonders ausgeprägt.

Für optimistische Anleger ergibt sich daraus eine Chance: Sollte die Börse abgehen, dann würde die Allianz vermutlich mehr als die meisten anderen Konkurrenten davon profitieren. "Die Allianz hat den größten Hebel", sagt Yates. Seine Empfehlungen beruhen jedoch auf einem skeptischeren Szenario für die gesamte Börse. Daher sind seine Favoriten bei den großen Konzernen in Europa die Generali, die am wenigsten von der Börse abhängig ist, dazu auch der Allfinanzkonzern Fortis, der mit seiner relativ ausgeglichenen Geschäftsstruktur ein Dauerliebling vieler Analysten ist. Aegon gilt zudem als recht attraktiv bewertet. Die Axa hingegen hat Fox-Pitt, Kelton auf neutral zurückgestuft, weil ihr Kurs schon sehr angestiegen sei.

Fazit: Spekulativ eingestellte Optimisten setzen auf die Allianz, Pessimisten kaufen, wenn überhaupt, die Generali, und wer einen soliden Wert zur Abrundung des Depots sucht, könnte zum Beispiel bei Fortis zugreifen.

Eine Sondersituation findet sich bei MLP. Dieser Dax-Wert hat noch heftigere Schwankungen erlebt als die Allianz. Nach dem Urteil von Karbaum und Yates hat das Unternehmen durchaus Chancen, sich aus der Krise erholen, in die es durch - zum Teil abwegige - Vorwürfe gegen seine Bilanzierung, einen Abhörskandal im Vorstand und eine misslungene Kommunikationspolitik geraten ist. So lange die Staatsanwaltschaft untersucht, mögen sie aber nicht zum Kauf raten. Die Nord-LB gibt in einer Studie das Urteil "Halten" ab. Sie bringt dabei aber die starke Sorge zum Ausdruck, das Geschäft von MLP habe durch die Vorwürfe größeren Schaden genommen.

Quelle: Handelsblatt

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