Experten sehen noch keine Gefahr einer Blase am Rentenmarkt
Anleihen halten das Depot in der Spur

Hohe Verluste an den Aktienmärkten haben viele Anleger den Charme von Anleihen wiederentdecken lassen, die als vergleichsweise sichere Investments gelten. Als Folge sind die Anleihekurse stark gestiegen. Anleger müssen nun sehr sorgfältig auswählen. Experten empfehlen noch Bonds aus dem Euroraum sowie einige Industrieanleihen.

FRANKFURT/M. Nach den bitteren Erfahrungen am Aktienmarkt fragen sich immer mehr Anleger, ob es eine bedrohliche Blase am Rentenmarkt gibt. Zwar ist Analysten keine Antwort zu entlocken, bei der sich Bond-Besitzer entspannt zurücklehnen könnten. Die meisten Experten sehen die Gefahr einer Anleihen-Blase allerdings nicht - zumindest kurzfristig nicht.

Anleihen gelten immer noch als defensive und vergleichsweise sichere Investments. Die Entwicklung der vergangenen 15 Jahre bestätigt diese These. Das Strategie-Team von Citigroup Smith Barney hat errechnet, dass europäische Anleihen während der vergangenen eineinhalb Dekaden lediglich in drei Jahren eine leicht negative Wertentwicklung vorzuweisen hatten: 1994, 1999 und - das stimmt allerdings etwas nachdenklicher - im bisherigen Jahresverlauf 2003.

Fachleute raten daher, auf die Laufzeiten zu achten. "Der Anleger kann sich heute in Anleihen mit mittlerer bis längerer Laufzeit gut aufgehoben fühlen", sagt Thomas Weidmann von der Helaba. Er sieht das Risikopotenzial am Rentenmarkt als begrenzt an. Das anhaltend positive Klima an den Anleihenmärkten werde zum einen durch die in Europa eingeleitete Strukturreform und zum anderen durch die Spekulationen auf niedrigere Leitzinsen gestützt; sinkende Leitzinsen gehen meist mit nachgebenden Anleiherenditen und entsprechend höheren Kursen einher.

Setzt ein konservativer Anleger auf weiteren Aufwärtsspielraum bei den bereits stark gestiegenen Anleihenkursen, empfehlen die Fachleute: Er sollte weiterhin einen nennenswerten Teil seines Depots in Bonds investieren (Depotvorschläge von Commerzbank Securities und Merck Finck Invest siehe Grafiken). Es wäre demnach falsch, Anleihen zugunsten von Aktien im Depot abzubauen - in der Hoffnung, dass sich die Börse bereits gefangen hat; als der Deutsche Aktienindex kürzlich die Marke von 3000 Punkten vorübergehend überschritten hatte, hatten ja bereits einige Analysten die Werbetrommel für Aktien gerührt.

Auch die Bank HSBC Trinkaus & Burkhardt plädiert dafür, den Bondmarkt nicht zu unterschätzen: Die Analysten haben bereits Anfang Mai ihre Gewichtung von Renten im Depot von "Neutral" auf "Übergewichten" heraufgesetzt, während die Gewichtung für Aktien "Neutral" lautet; das entspricht einem Depotvorschlag von 46 Prozent Anleihen und 50 Prozent Aktien.

Zinsentwicklung wichtig

Für die Frage, welche Laufzeiten Anleger kaufen sollten, ist insbesondere die Einschätzung des Tempos der Konjunkturerholung und der Zinsentwicklung wichtig. Dabei vertreten Marktbeobachter unterschiedliche Meinungen. "Wir glauben, dass die großen ökonomischen und konjunkturellen Risiken hinter uns liegen", sagt etwa Marius-Gero Daheim von der WestLB. Ende des Jahres und Anfang 2004 würden erste Anzeichen einer zögernden konjunkturellen Erholung in den USA und in der Euro-Zone sichtbar. Zunächst sei bei den kurz- und langfristigen Zinsen eine Stagnation zu erwarten. Anleger würden bei Investments in längerlaufende Anleihen sowohl im Dollar- als auch im Euro-Raum heute hohe Risiken eingehen. Bei der WestLB wird davon ausgegangen, dass die Renditen zehnjähriger Anleihen auf Sicht von zwölf Monaten im Dollar-Raum von derzeit rund 3,65 % auf 4,55 % und im Euro-Raum von 3,91 % auf 4,45 % steigen werden.

Dagegen rechnet Michael Rottmann, Leiter Währungs- und Zinsanalyse bei der Hypo-Vereinsbank, damit, dass die Leitzinsen in den USA bis "tief ins nächste Jahr" auf Tiefstniveaus bleiben. Die Europäische Zentralbank (EZB) könnte bis Jahresende die Zinsen senken; Rottmann rechnet mit 75 Basispunkten, also einem Leitzins von dann 1,75 %. Die Renditen am langen Ende in Euroland dürften dann sinken, bei den zehnjährigen Bonds von derzeit 3,9 Prozent auf 3,6 Prozent, bei den zehnjährigen US-Treasuries von derzeit 3,6 Prozent auf bis zu 3,4 Prozent. Anleger sollten weder sehr lange Laufzeiten noch Kurzläufer wählen, sagt Rottmann, sondern Laufzeiten von fünf bis zehn Jahren bevorzugen - womit er dem Helaba-ExpertenWeidmann zustimmt.

Einig sind sich aber viele Analysten darin, dass dem Euroraum der Vorzug vor US-Anleihen zu geben ist. So setzt auch Rolf Elgeti, Stratege bei Commerzbank Securities in London, ebenso wie Rottmann auf den Euro. Rottmann: "Ich erwarte nach wie vor eine weitere Befestigung des Euros." Als Gründe dafür nennt er vor allem das Leistungsbilanzdefizit sowie das Budgetdefizit in den USA, die den Dollar weiterhin unter Druck setzen dürften.

Bei Unternehmensanleihen sind nach Einschätzung von Thorsten Weinelt, eines Bondspezialisten der Hypo-Vereinsbank, noch Gewinne bei Anleihen der Deutschen Telekom, der France Telecom und Olivetti möglich, außerdem im Automobilsektor bei Continental, Michelin, Peugeot und Renault. Weinelts Tipp auf europäischer Ebene ist Imperial Tobacco.

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