Experten setzen auf Konjunkturzykliker
Zinswende lässt Börsianer zittern

Kaum beginnen die vielen Zinssenkungen positiv auf die Konjunktur zu wirken, da spekulieren die Märkte bereits auf eine Erhöhung der Leitzinsen in den USA und Europa. Bislang läutete diese Vorstellung an den Aktienbörsen immer die Wende nach unten ein. Dazu muss es dieses Mal aber nicht kommen, meinen Analysten.

HB/DÜSSELDORF. Die Europäische Zentralbank (EZB) drehte noch nicht an der Zinsschraube. Doch niemand zweifelt mehr daran, dass in der zweiten Jahreshälfte in der Euro-Zone und schon vorher in den USA Zinserhöhungen anstehen. Werden deshalb die Börsen wieder einknicken, bevor sie richtig durchstarten konnten?

Handelsblatt-Recherchen zeigen, dass in der Vergangenheit die Aktienkurse immer zwischen der letzten Zinssenkung und der ersten Erhöhung kräftig stiegen. So legte der Deutsche Aktienindex (Dax) in so einer Phase Anfang der achtziger Jahre rund 60 % zu; zu Beginn der Neunziger waren es 50 %. Der marktbreite amerikanische S & P-500-Index schaffte in solchen Zeiten immerhin 30 bzw. 20 %. Doch genauso markant wie die Börsenrally ist das abrupte Ende der Hausse: Bereits Wochen oder gar Monate vor dem ersten Zinsschritt nach oben traten die Indizes auf der Stelle, bevor sie schließlich zu fallen begannen.

Zurück zur Gegenwart: Seitdem immer mehr Daten in den USA ein rasches und kräftiges Anspringen der Wirtschaft signalisieren, ist die Zinswende da: Baldige und mehrfache Zinserhöhungen gelten als sicher. Analysten und Volkswirte streiten nur noch darüber, wann die Notenbank Fed das erste Mal "zuschlägt". Die meisten Experten tippen auf Mai, Juni oder August. Gerechnet vom letzten US-Zinsschritt nach unten (11. Dezember 2001) ist der größte Teil der Niedrigst-Zinsphase zumindest in den USA bald vorbei. Für Euroland ist das noch nicht ausgemacht. Allerdings orientieren sich Europas Aktienmärkte ohnehin enger an der Fed als an der EZB.

Die Berechnungen aus der Vergangenheit sprechen also für einen baldigen Börsenabschwung. Dennoch bleiben die meisten Bankhäuser für die weitere Entwicklung optimistisch. Sie glauben nicht an einen raschen Abschwung, nur weil die Zinsen wieder steigen. Kai Franke von der BHF-Bank gibt zu bedenken, dass erst jüngst eine ähnliche Rechnung nicht aufging: "Als die Fed die Zinsen senkte, wurde uns vorgerechnet, wie stark wie viele Zinsschritte in der Vergangenheit die Börsen beflügelten. Tatsächlich lagen die Kurse nach elf Zinssenkungen viel niedriger als vorher." Dennoch sollten Anleger nach Meinung des Aktienresearchleiters immer im Kopf behalten, dass steigende Zinsen negativ für die Aktienmärkte sind.

Auch Gertrud Traud von der Bankgesellschaft Berlin bewertet den Einfluss der kurzfristigen Geldpolitik auf die Aktienmärkte eher zurückhaltend: "Entscheidend für die weitere Entwicklung der Börsen sind die Rentenmärkte und der Ölpreis." Die für Firmenkredite wichtigen langfristigen Zinsen - Währungshüter können sie nicht verändern - steigen bereits seit langem. So notiert die zehnjährige US-Anleihe derzeit höher als vor Beginn der elf Zinssenkungen im Januar 2001. "Am langen Ende ist vielleicht zu viel vorweggenommen. Wenn hier die Zinsen sinken, haben die Aktienmärkte noch Luft nach oben", sagt Traud.

Für dieses Szenario spricht einiges. Denn die langfristigen Zinsen nehmen bereits viele Zinserhöhungen der Notenbank vorweg. Sollte die Fed aber weniger restriktiv als erwartet handeln, weil zum Beispiel die Konjunktur doch nicht so schnell und kräftig anspringt, dürften die Anleiherenditen wieder fallen. "Gefahr droht allerdings durch den hohen Ölpreis. Der birgt Inflationsrisiken. Und dadurch werden wiederum die Zinsen steigen", bleibt Traud skeptisch. Gestern kostete ein Barrel Öl fast 27 Dollar - "ein Preis, der meinen Optimismus für die Aktienmärkte in Frage stellt", so Traud.

Wenig Sorgen angesichts der Zinswende macht sich die Hypo-Vereinsbank. Die Analysten gehen davon aus, dass bis Jahresende die US-Zinsen um 1,25 und die Euroland-Zinsen um 0,25 bis 0,5 Prozentpunkte steigen. Dies deckt sich mit den meisten Schätzungen. Die Spekulationen dürfte die Aktienmärkte nur kurzfristig belasten, meinen die Banker: "Das von uns erwartete Ausmaß der Zinserhöhungen bis Jahresende wird aber in diesem Zeitraum die Konjunkturerholung nicht gefährden und den aufwärts gerichteten Trend der Aktienmärkte nicht umkehren." Zum Jahresende sieht die Hypo-Vereinsbank den Dax bei 6 000 Punkten. Ebenso wie die SEB setzen die Bayern auf konjunkturzyklische Branchen wie Automobil und Banken.

"Positiv/neutral" blickt auch HSBC - Stratege Klaus Lüpertz den kommenden zwölf Börsenmonaten entgegen. Er setzt allerdings auf defensive Energietitel. Er begründet das mit den Unsicherheiten über Bilanzfälschungen und mit den Spannungen in Nahost.

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