Experten sind sich uneins über das Ausmaß der Bedrohung
Spekulationen über Atombombe in Terroristenhand

Ob der von den USA gesuchte Terroristenführer Osama bin Laden Atomwaffen hat, ist ungewiss. Zahlreiche internationale Experten berichten, er habe sich immerhin jahrelang um Kernwaffen bemüht und möglicherweise Erfolg gehabt. Auch Skeptiker meinen, man solle sich besser vorsorglich darauf einrichten, dass das von Bin Laden geleitete Terror-Netzwerk El Kaida eine Atomwaffe habe und sie auch einsetzen werde. Angesichts des Ausmaßes und der Raffinesse der Terroranschläge in den USA könne man nichts mehr ausschließen, heißt es.

ap LONDON. "Die Angriffe vom 11. September bringen uns der nuklearen Wahrscheinlichkeit näher", sagt der Terrorismusexperte Paul Wilkinson von der schottischen St. Andrews University. Man müsse die Möglichkeit ernst nehmen, dass fanatische Terroristen zu Massenvernichtungswaffen griffen.

Der Oberbefehlshaber der US-Truppen in Afghanistan, General Tommy Franks, hat am Dienstag bekannt gegeben, in dem Land seien über 40 Stätten entdeckt worden, wo bin Ladens Terrornetzwerk atomare, biologische und chemische Massenvernichtungswaffen entwickelt haben könnte. Ob es bereits eine Produktion gegeben habe, werde noch untersucht.

Viele Experten schließen nicht aus, dass bin Laden über eine "schmutzige Bombe" verfügt oder sie binnen kurzer Zeit herstellen lassen kann. Eine "schmutzige Bombe" ist ein herkömmlicher Sprengsatz, dem radioaktives Material beigemischt ist. Dieses würde sich bei einer Explosion ausbreiten und einen weiten Umkreis unbewohnbar machen. Für eine solche Bombe könnte auch Material geringerer Radioaktivität verwendet werden, wie es in der Medizin und der Industrie zum Einsatz kommt.

"Es ist überhaupt kein Problem, an Material für eine 'schmutzige Bombe' heranzukommen", sagt Dmitri Kowtschegin vom Zentrum für Politische Studien in Moskau. "Irgendwann einmal wird es so weit sein", meint auch der auf Nuklearterrorismus-Studien spezialisierte britische Atomphysiker Frank Barnaby in Oxford.

Mit dem Auseinanderbrechen der Sowjetunion ist die Gefahr um ein Vielfaches größer geworden. Viele Kriminelle sind mit Nuklearmaterial ertappt worden, das aus Russland herausgeschmuggelt worden war. Es gibt unbestätigte Berichte über den Verkauf oder das Verschwinden von Nuklearwaffen. Von russischer Seite wird eingeräumt, dass die Sicherheitsvorkehrungen in den Nukleareinrichtungen des Landes unzureichend seien. Sorge herrscht auch wegen der Möglichkeit, dass arbeitslos gewordene Atomexperten der ehemaligen UdSSR von Außenseitern für die Entwicklung von Kernwaffen angeworben werden könnten.

"Das Auseinanderbrechen eines so riesigen Staatswesens wie der UdSSR hat zweifellos Versuchungen herbeigeführt, und es wäre seltsam, wenn ihnen niemand erlegen wäre", sagt Wladimir Lukin, Vizepräsident der russischen Staatsduma in Moskau. "Organisationen wie El Kaida haben genug Geld und Organisationstalent um es zu schaffen."

Die Kernwaffen in den Arsenalen der USA, Russlands und der anderen Atommächte können nur mit Hilfe von Codes aktiviert werden. Auch wenn bin Laden eine ehemals sowjetische Atomwaffe in Besitz habe, könne er sie in Ermangelung des Codes wohl kaum zünden, meinen Experten.

"Nukleare Terroraktion die nächste logische Stufe"

Über die Möglichkeit, dass Terroristen eigene Kernwaffen bauen könnten, streiten sich die Experten. Manche meinen, dies sei leichter als allgemein angenommen. Andere halten dagegen, dass es beispielsweise Irak trotz eines Aufwands von zehn Milliarden Dollar und mehrjähriger Bemühungen offenbar nicht gelungen sei, eine Kernwaffe herzustellen.

Barnaby sagt, es sei leicht, eine Atomwaffe aus hochangereichertem Uran zu fabrizieren. Solches Material werde nur von Pakistan zu diesem Zweck verwendet. Die Verbindungen zwischen bin Laden und einigen pakistanischen Nuklearwissenschaftlern seien Besorgnis erregend. Terroristen seien auf eine stetige Ausweitung der von ihnen ausgehenden Bedrohung aus, sagt Barnaby. "Sie müssen es immer höher schaukeln. Die logische nächste Stufe wäre eine nukleare Terroraktion."

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