Experten streiten darüber, ob sich Olympische Spiele lohnen: Wege zum Reichtum

Experten streiten darüber, ob sich Olympische Spiele lohnen
Wege zum Reichtum

Fünf deutsche Städte träumen von Olympia. Weil es nicht nur fürs Image gut ist, die Spiele auszurichten. Gewinne scheinen sicher, und sei es nur dank kreativer Buchführung.

DÜSSELDORF. Nur selten wird Wirtschaftsprofessoren die ungeteilte Aufmerksamkeit des studentischen Publikums zuteil, zumal eines sportlich geprägten. Doch Gert Wagner wusste sich in Szene zu setzen: Auf einem Symposium der Sporthochschule Köln eröffnete der Forschungsdirektor am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) seinen Vortrag mit den Worten: "Es ist überhaupt nicht klar, ob sich Olympische Spielen aus volkswirtschaftlicher Sicht lohnen." Schließlich könnten andere öffentliche Investitionen, etwa Kindergärten, einen höheren Nutzen stiften. Das saß. Gerade, da die sonstigen Referenten nur von den Möglichkeiten geschwärmt hatten, die Olympia bietet, auch wirtschaftlich.

Denn absolut gesehen scheinen die Erlöse der Spiele die Kosten zu übersteigen - so haben die Veranstalter von Sommerspielen seit Los Angeles 1984 immer offiziell mit einem Gewinn abgeschlossen. Professor Wolfgang Maennig von der Universität Hamburg ist sich sicher, dass sich die Spiele volkswirtschaftlich lohnen. Dies hätten alle Studien, die er kennt oder verfasst hat, gezeigt. Denn die Spiele haben einen großen Vorteil gegenüber Kindergärten: Es gibt Geld von außen. "Das Internationale Olympische Komitee und die Besucher von außerhalb bringen rund 1,5 Milliarden Euro in die Region", so der Olympiasieger im Ruder- Achter 1988. Daher sei die Kosten- Nutzen-Relation einfach besser. Dafür spricht, dass seit 1984 viel mehr Städte die Spiele austragen wollen. Die Investitionen und Gäste führen zu direkten und indirekten Milliarden-Umsätzen, ob im Bauwesen oder Tourismus, und damit auch für Steuereinnahmen. Zudem ist der Marketing-Effekt gigantisch - Sydney und Barcelona sind mittlerweile bedeutende Kongressstädte.

Mit Blick auf die morgige Entscheidung, welche deutsche Stadt sich bewerben darf, sagte Thomas Bach, Vizepräsident beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC), dem Handelsblatt: "Die fünf Bewerberstädte sind ja keine Altruisten, die nur wegen des olympischen Gedankens mitmachen. Dass es handfeste wirtschaftliche Überlegungen gibt, ist völlig legitim." Generell, so Bachs feste Überzeugung, wird mit den Spielen "zum Beispiel die Infrastruktur der Stadt auf einen Schlag um 25 Jahre nach vorne katapultiert".

Bestes Beispiel ist Barcelona. Während der Spiele 1992 kamen 400 000 Besucher in die Stadt, das gesamte Investitionsvolumen betrug rund 9,4 Milliarden Dollar, davon floss ein gutes Drittel in den Ausbau der Verkehrswege. Die direkten und indirekten Umsätze sollen sich auf rund 26 Milliarden Dollar belaufen haben. Dies führte zu einem Beschäftigungseffekt von 336 000 so genannten Personenarbeitsjahren. Von 1986 bis 1992 hat sich die Arbeitslosenquote in der Stadt und in Katalonien halbiert. Allerdings wurde der große Sprung nach vorne mit vielen Landesmitteln aus Madrid finanziert.

Doch einige Fachleute warnen: "Oft haben die Olympiagesellschaften sich ihre Bilanz einfach schöngerechnet", sagt Norbert Stoeck, Olympia-Experte bei Roland Berger. So komme es regelmäßig vor, dass Stadien für die Spiele offiziell nur angemietet werden. Die Mietkosten tauchten also in den Berichten der Olympia-GmbH auf, die Investitionskosten nicht. "Zudem werden die Kosten für die Unterhaltung der Sportstätten oft unterschätzt", sagt der Unternehmensberater. Denn die Anforderungen des IOC sind enorm gestiegen. So fordern etwa die Fechter zwei Hallen, mit 3 000 und 6 000 Mann Kapazität. Ob sich die Spiele auszahlen, hänge entscheidend von den Investitionskosten und der Nachnutzung ab, so Stoeck, dessen Unternehmen im Auftrag von Nordrhein-Westfalen eine Machbarkeitsstudie für Spiele in Düsseldorf erstellte.

Immerhin hat das IOC schon etwas gelernt. Eine der bekanntesten Fehlplanungen der Olympischen Geschichte war die Ruderstrecke für München 1972. Schön, aber hoffnungslos überdimensioniert. Aus gutem Grund: Damals berechnetete sich die Summe, die ein Sportfachverbände vom IOC erhielt, aus der Zuschauerkapazität der Wettbewerbe. Die größte finanzielle Katastrophe waren die Spiele in Montreal 1976. Die angesetzten Baukosten verzehnfachten sich, das Gesamtdefizit lag bei umgerechnet rund 1,6 Milliarden Euro. Noch ein Jahrzehnt später zahlten Hausbesitzer und Raucher in Quebec eine Sondersteuer. Olympisches Feuer einmal ganz anders.

Auch Professor Maennig räumt "gewisse Freiheitsgrade bei den Angaben der Städte ein". Er sollte im NOK-Auftrag die Finanz-Konzepte der deutschen Bewerber bewerten, insbesondere deren Angaben über Ticket-Einnahmen und Bau-Ausgaben. "Ich war aber angenehm überrascht, die Berechnungen waren alle ähnlich und durchaus realistisch." Eine Reihenfolge, wer aus volkswirtschaftlicher Sicht den Zuschlag bekommen sollte, konnte - oder wollte - er aber nicht aufstellen.

Die kritisierte kreative Buchführung gelte jedoch auch in die andere Richtung. Nach Angaben von Maennig sei es ein offenes Geheimnis, dass Barcelona noch Parks anlegte und verschönerte, bis endlich der Gewinn gegen Null ging. Der Grund: Das IOC partizipierte am Gewinn. Mittlerweile kassiert das IOC schon bei den Umsätzen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%