Experten suchen noch nach Lösungen gegen die neuen Bedrohungen
Bio-Terrorismus gegen Cyber-Terrorismus

Zunächst sah es nach Glück im Unglück aus: Bei allem Grauen der Selbstmord-Attacken vom 11. September waren die Werkzeuge doch ungewöhnlich konventionell: Flugzeuge, Feuer, ja selbst Messer. Seit den Anthrax-Anschlägen der letzten Wochen ist dies vorbei. Ob die Ereignisse nun verkettet sind, oder nicht, das Thema des High-Tech- bzw. Labor-Terrorismus ist mit einem Mal ganz oben auf der Tagesordnung.

Damit wird das Silicon Valley, Wiege der weltweiten High-Tech-Industrie, in die Thematik hineingezogen. Hier wird heftig diskutiert, wie die technologischen Errungenshcaften der Nachkriegszeit im Bereich der Bio- und Informationstechnologie fuer Terrorismus genutzt werden können, wie eine Verteidigung organisiert werden könnte und was die Rolle des Valley bzw. individueller Firmen sein könnte.

Biologische Waffen - Massenvernichtungsmittel des Kleinen Mannes

Nicht nur der Bayer Konzern profitiert von der plötzlichen Bio-Terror Angst. Auch Judith Miller und ihre Ko-Autoren hätten sich wohl kaum träumen lassen, dass ihr kürzlich in den USA veröffentlichtes Buch: "Erreger" ("Germs - Biological Weapons and America?s Secret War", Simon & Schuster, 2001) jetzt unaufhaltsam in die Bestsellerlisten vorrückt. Das ist nicht unverdient - das Buch ist außergewöhnlich sauber recherchiert.

Diejenigen, die es noch nicht gewusst haben, können dort nochmal das real existierende Grauen der unvorstellbaren Mengen an biologischen Waffen nachlesen, welche die ehemalige Sowjetunion erstellt hat, und zwar nach Unterzeichnung der Anti-B-Waffen Verträge. Die unappetitlichen Substanzen umfassten jährliche Mengen von 4 500 Tonnen Anthrax, 1 500 Tonnen Pestviren, 100 Tonnen Pockenviren, und 250 Tonnen Marburg-Viren, um nur ein paar der bekannteren Substanzen zu zitieren.

Ein lästiger Aspekt dieser Weltvernichtungsmaschine ist auch, dass einige der Erreger nur schwer wieder zu vernichten sind. So wird beispielsweise angenommen, dass die verbuddelten Anthrax-Sporen in Teilen noch funktionsfähig sind. Nicht weniger beunruhigend ist die Tatsache, dass die 30 000 Angestellten der russischen Bio-Kriegseinheit "Biopreparat" nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion von vielen interessierten Staaten umworben wurden und werden.

Die USA sind selbst auf einen moderaten Angriff mit solchen Waffen, wie ihn Terroristen inszenieren könnten, völlig unvorbereitet. Dies kann derzeit öffentlich verfolgt werden und ist besonders bedenklich, da der erste Terroranschlag dieser Art an der hiesigen Westküste schon fast 20 Jahre zurueckliegt.1984 hatte die Baghwan Shree Rajneesh-Sekte, welche sich nach der Vertreibung aus Poona im US-Bundesstaat Oregon niedergelassen hatte, zur Erlangung zahlenmäßiger politischer Überlegenheit zu einer Welle von Salmonellenvergiftungen gegriffen. Jahre später stellte sich heraus, das die zentrale Figur - von Insidern bezeichnenderweise "Schwester Mengele" genannt - auch viele andere hochgefährliche Substanzen vorbereitet hatte, insbesondere den als B-Waffe klassifizierten Erreger Franciscella tularensis und Aids-Viren, diese aber nicht außerhalb der Sekte anwandte, da sie fürchtete entdeckt zu werden. Schließlich hatte sie, wie später die Waffentechniker des Irak, ihre Bazillen und Viren ganz legal von der "American Type Culture Collection", welche Labore in aller Welt bedient, bestellt. Die Rajneesh-Attentate waren von den Behoerden weitgehend totgeschwiegen worden, da man Nachahmer fürchtete - es wäre offensichtlich geworden, wie einfach solche Waffen von kleinen terroristischen Zellen erstellbar und verteilbar waren.

Eine Fußnote der Geschichte: Der einzige bekannte Einsatz von B-Waffen seitens der Amerikaner galt einem Deutschen: Hjalmar Schacht, Reichsbankspräsident des Dritten Reichs und in das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 verwickelt, wurde eine Zeit lang heimlich durch US Agenten moderat vergiftet (mit Staphylococcus Bakterien).

In den 50er Jahren testeten die USA die Effektivität von Biowaffen auch an der eigenen Bevölkerung, indem sie Städte wie San Francisco, die New Yorker U-Bahn, Minneapolis, St. Louis und mehr mit relativ harmlosen Erregern besprühten. Später beharrte die hiesige Stanford University allerdings darauf, dass das "San-Francisco-Spray" zumindest für einen Todesfall verantwortlich war.

Das High-Tech Zeitalter

Biologische Waffen sind ein altes Thema. Doch durch die gen- und informationstechnischen Fortschritte der letzten Jahre hat sich vieles geändert und so meldet sich das Silicon Valley zu Wort. Am bekanntesten ist vielleicht Bill Joy, oberster Technologe bei Sun Microsystems, geworden, welcher in seinem apokalyptischen Artikel "Why the Future does not need us" (Warum uns die Zukunft nicht braucht) im April 2000 im "Wired"-Magazin weltweit eine Diskussion ueber "Nano-Terrorismus" auslöste. Er stellte dar, wie die gefährlichen Waffen der Zukunft sehr klein und billig sind, seien sie nun biologisch oder künstliche Nanoroboter. Durch Selbstreplikation können sie schnell die gesamte Menschheit ausrotten. Wenn zunehmend kleinere Einheiten auf der Welt in der Lage sind, solche Systeme zu erzeugen, so wird die menschliche Zivilisation zunehmend instabil.

Das Valley beherbergt in allen für die Diskussion dieser Fragen relevanten Gebieten führende Unternehmen und Institutionen. Beispielsweise wurde an der hiesigen Stanford University 1993 zum ersten Mal "rekombinante" Lebewesen durch Genaustausch erstellt (durch Stanley Cohen und Herbert Boyer). Die Debatte hier konzentriert sich darauf, die Charakteristiken der neuen Bedrohungen zu erfassen. "Neu" sind insbesondere Bio-Angriffe und Cyber-Angriffe, und die Gegenüberstellung der beiden Bedrohungen erlaubt es, jedes Phänomen für sich besser zu verstehen:

 

Bio - Angriffe

Cyber - Angriffe

Billig

JaJa

Selbstreplizierend

JaJa

Ziel

Primär zivilPrimär zivil

Zerstört primär

Menschen (Lebewesen)Information; Maschinen

Open Source Monokultur

JaNein (noch nicht)

Automatisierbar

NeinJa

Fernsteuerung

BegrenztJa

Vernetztheit

BegrenztExtrem

Know-how Propagierung

Positives Know-howPositives und negatives Know-how

Experimentelles Know-how

BegrenztEnorm

Lassen Sie uns obige Gegenüberstellung kurz diskutieren:

Zunächst sind beide Arten von Angriffen billig, können selbst-replizierend sein und werden sich primär gegen zivile Ziele richten. Das macht sie so gefährlich für die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts.

Dann kommen die beiden Eigenschaften, welche eine biologische Attacke so verheerend machen: Sie richtet sich gegen Menschen (analog zur Neutronenbombe ist sie daher teuflisch effizient). Und zudem ist der Mensch, was man eine "Open Source Monokultur" nennen könnte: Nicht nur sind alle Menschen biologisch unglaublich ähnlich ("Monokultur"). Seit letztem Jahr ist auch das Erbgut - und zunehmend die noch entscheidendere Proteinstruktur - öffentlich bekannt ("open source"). Das macht biologische Angriffe ideal einfach.

Cyber-Attacken sind aus anderen Gründen gefährlich. Sie richten sich zwar "nur" gegen Infrastruktur, aber ohne diese sind die meisten modernen Gesellschaften kaum lebensfähig. Glücklicherweise sind Computer- und Sicherheitssysteme heute noch ziemlich divers und in der Regel nicht oeffentlich bekannt. Die Dominanz von Microsoft auf dem PC droht dies zu ändern, und nicht zufällig griffen viele Computer-Viren der letzten Jahre diese zunehmende "Monokultur" an. Dafür sind Cyber-Attacken automtatisierbar (man kann einige tausend verschiedenen Angriffe pro Sekunde versuchen), sie sind perfekt aus der Ferne auszuführen und sie können über die Vernetztheit des Internet jeden Computer der Welt erreichen. Im Durchschnitt liegen zwischen zwei Computern auf der Welt 19 Knoten, welche in Sekundenschnelle überwunden sind.

Hinzu kommt dass Hacker-Know-How in vielen Foren ausgetauscht wird, so dass selbst ein unerfahrener Angreifer oftmals fast "nach Skript" vorgehen kann, ohne selbst ein Programmier-Experte sein zu müssen. Und viele kriminelle Elemente legen sich aus Gründen, die nichts mit Terror zu tun haben, detailliertes Know How zu und sammeln somit Erfahrung: Ein moderner Bankräuber braucht Software-Know How, während das Wissen über eine effektive Verbreitung von Grippeviren für ihn eher nutzlos ist.

Die Suche nach Lösungen

Aufbauend auf einem Grundverständnis oben genannter Eigenschaften, wird fieberhaft überlegt, wie denn eine Verteidigung aussehen könnte. Eine solche hat zwei Elemente: Vorbeugung und Reaktion. Besonders schwierig ist es, dass in beiden Fällen aggressive und defensive Massnahmen sehr ähnlich aussehen können. Bei biologischen Waffen wurde z.B. die Impfung der eigenen Truppen oft als ein Zeichen eines möglichen Einsatzes einer Substanz angesehen. So waren die Amerikaner im Golfkrieg sehr erleichtert, dass irakische Deserteure nicht gegen Anthrax geimpft waren, denn dies wurde dahingehend gedeutet, dass der Irak nicht plane, sein B-Waffenarsenal einzusetzen. Auch kann beispielsweise die Erzeugung von Massenverbreitungsmechanismen, klassischerweise als "aggressiv" eingestuft, entscheidend fuer die Verteidigung sein: Wie soll man denn Millionen von Menschen schnell ein Gegenmittel verabreichen, wenn man es nicht über die Wasserleitung zuführen oder in der Luft versprühen kann?

Zuletzt darf die Möglichkeit eines kombinierten Angriffs nicht vernachlässigt werden: Fast alle angedachten Abwehrreaktionen gegen biologische Angriffe würden jämmerlich versagen, wenn gleichzeitig massenweise Computer lahmgelegt würden, und vice versa. Die Zusammenarbeit von Menschen und IT-Infrastruktur ist entscheidend für eine schnelle Reaktionsfähigkeit.

Inzwischen sind die Flugverbindungen von Kalifornien zur Ostküste wiederhergestellt und die Flieger sind gefüllt mit Experten, welche High-Tech-Lösungen für die neuen Herausforderungen Washingtons suchen.

Manche der hiesigen Industriebarone konzentrieren sich hingegen auf einfache Massnahmen und benutzen auch in alter Manier die Presse als Kommunikationsmittel. So lies Oracle-Chef Larry Ellison vor einigen Wochen alle Welt wissen, dass er den Kampf gegen Terror damit beginnen wuerde, etwas einzuführen, was ein Deutscher als "maschinenlesbaren Personalausweis" bezeichnen wuerde. Er bot sogar an, ein Jahr lang die Software dafür zu "stiften" - für ein Upgrade müßte die Regierung allerdings bezahlen. Wenn ein so einfaches Mittel die Gefahr bannen könnte, würde ihm die Bevölkerung hier die Zusatzeinnahmen sicherlich gerne gönnen.

Insgesamt kann man den Amerikanern im allgemeinen und den Kaliforniern im besonderen bei der Suche nach Lösungen nur viel Glück wünschen.

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