Experten: Viele deutsche Anleger sind langfristig von der Börse vertrieben worden
Krise der Börsen bedroht Aktienkultur

Die Kurse fallen und fallen. Fast jeden Tag kommt ein neuer Unternehmensskandal ans Licht, die Anleger werden nervös und verkaufen. Viele von ihnen lassen die Finger von Aktien, weil sie ihr Vertrauen in die Börse längst verloren haben. Experten befürchten bereits eine Gefahr für die gesamte Wirtschaft.

FRANKFURT/M. Gerade erst hatte sie langsam Fuß gefasst. Und schon scheint es schon wieder vorbei zu sein mit der Aktienkultur in Deutschland. "Wir machen gerade einen schmerzhaften Prozess durch, bei dem Anleger ihre Engagements in Aktien überdenken", sagt Rüdiger von Rosen, Geschäftsführer des Deutschen Aktieninstituts (DAI).

Zwar haben Kursstürze und Skandale weltweit das Vertrauen der Anleger in die Börse erschüttert, aber in anderen Ländern ist die Geldanlage in Aktien viel tiefer verwurzelt als in Deutschland. Traditionell legen die Deutschen ihr Geld konservativer an als die Bürger in anderen Ländern. Während etwa in den USA, in Großbritannien oder in Schweden ein Viertel oder mehr der Gesamtbevölkerung Aktien besitzen, waren es in Deutschland Ende des Jahres 2001 nur knapp neun Prozent (2000: 9,7 Prozent) - "Tendenz fallend", sagt von Rosen.

Fast täglich drohen neue Horrormeldungen das zarte Pflänzchen der Aktienkultur gänzlich zu zertrampeln. Das Misstrauen der Deutschen in die Börse fällt im Gleichklang mit den Kursen. Die Liste der Ursachen ist lang: Bilanzmanipulationen bei ehemals angesehenen Unternehmen; einst als so solide angepriesene Titel wie die T-Aktie fallen ins Bodenlose; Analysten raten zu Aktien, die sie in Wirklichkeit nicht einmal ihrem ärgsten Feind empfehlen würden; am Neuen Markt häufen sich die Betrügereien. Als Folge werden die Anleger immer nervöser. Sie verkaufen und lassen die Kurse weiter fallen.

"Viele Anleger sagen uns, dass sie ihre ganzen Aktien verkauft haben und nie wieder etwas mit Aktien zu tun haben wollen", sagt Reinhild Keitel von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK). Überdurchschnittlich viele Anleger seien enttäuscht worden, weil sie in die T-Aktie investiert hätten - im Glauben an eine sichere Anlage. Auch Ulrich Hocker, Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) malt schwarz: "Weite Kreise sind langfristig von der Börse vertrieben worden."

"Während des Börsenbooms sind viele naive Investoren auf den Zug aufgesprungen. Sie hatten nur die potenziellen Gewinne im Blick, nicht aber die Risiken", sagt Guido Kiell, Wirtschaftspsychologe beim Kölner Marktforschungsinstitut Psychonomics. Diese unerfahrenen Anleger seien die ersten, die wieder abspringen würden. "Aber so langsam werden auch erfahrene und sattelfestere Anleger verunsichert." Und da lauert die Gefahr für die Wirtschaft, auch darin sind sich alle Beteiligten einig. Die Unternehmensfinanzierung sei gefährdet, sagt von Rosen.

Im Idealfall versuchen Unternehmen ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Eigenkapital und Fremdkapital zu schaffen. Interessiert sich aber keiner mehr für Aktien, wird es für die Firmen schwierig, sich über die Börse - etwa im Rahmen eines Börsengangs - Eigenkapital zu beschaffen. "Wir haben es hier mit einem gesamtwirtschaftlich nicht zu unterschätzenden Problem zu tun", meint Dirk Schiereck, Professor am Institut für Mergers and Acquisitions an der Universität Witten-Herdecke.

So schnell wird sich die Angst vor der Börse nicht überwinden lassen. "Vertrauen kommt und geht nicht in kurzer Zeit", sagt Schiereck. "Solange es an den Börsen nicht nach oben geht und es nicht über einen längeren Zeitraum positive Meldungen gibt, kommen die Anleger auch nicht zurück."

Eine Forderung der Experten: Durch drakonische Strafen müsse man Betrüger von Manipulationen abschrecken. In Zukunft müssten die Organe der Unternehmen - Vorstand und Aufsichtsrat - persönlich haftbar gemacht werden können, fordert auch Hocker. Und von Rosen sagt mit Anspielung auf den wegen Insiderhandels verurteilten ehemaligen Computerhacker Kim Schmitz: "Dass zum Beispiel jemand für erwiesene Marktmanipulation nur zu einem vergleichsweise lächerlichen Bußgeld und auf Bewährung verurteilt wird, darf nicht mehr passieren". Auch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BAFin) wird als Kontrollinstanz ins Spiel gebracht. "Dafür muss das BAFin aber mehr Kompetenzen und Personal bekommen", sagt Hocker. Bei allen Enttäuschungen und Vertrauensverlusten dürften die Anleger auch in Zukunft eines nicht vergessen, warnt von Rosen: "Anleger dürfen nicht jedem Guru oder Analysten hinterherlaufen. Sie müssen selbst entscheiden, wie sie investieren."

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