Experten warnen vor Rückschlägen
Latino-Bonds zeigen ungewohnte Stärke

Südamerikanische Anleihen zeigten in den letzten Monaten ein eindrucksvolles Comeback, nachdem im letzten Jahr die Argentinien-Krise und die Nervosität zum Amtsantritt des Brasilianers Lula da Silva eine Flucht aus Latino-Bonds bewirkt hatte. Jetzt könnte es aber zu Gewinnmitnahmen kommen.

SAO PAULO/BUENOS AIRES. Die Latino-Bonds sind heiß - in den vergangenen Monaten haben sie ihre Besitzer reich gemacht. Am stärksten legten in Lateinamerika seit Oktober die Anleihen Brasiliens zu - satte 64 %. Auch Ecuador (+ 46%), Peru (+29 %) und Kolumbien (+28 %) entwickelten sich besser als die Gesamtheit der Emerging-Market-Bonds, die im gleichen Zeitraum 21 % gewannen. Die G7-Zentralbanken hätten für hohe Liquidität in den Weltmärkten gesorgt, gleichzeitig werde die Schuldenemission in Emerging Markets und bei Unternehmensanleihen vermutlich begrenzt bleiben, meint UBS-Warburg: "Geldzufluss in Märkte mit geringem Finanzbedarf schafft einen positiven Markt-Kontext."

Brasilianische Banken brachten seit Dezember vor allem kurzfristige Anleihen (meist unter einem Jahr) in Höhe von rund 2 Mrd. $ problemlos auf dem Markt unter. "Die hohe Nachfrage hat alle überrascht", sagt Victoria Miles von JP Morgan. ABN Amro vermutet, dass Investoren vor allem sichere, aber niedrig verzinste Osteuropa-Anleihen verkauften und in die hoch verzinsten brasilianischen Bonds wechselten.

Inzwischen verbesserte auch die Risikoagentur Fitch die Einschätzung der Aussichten Brasiliens von negativ auf stabil. Das liegt vor allem an der verbesserten Leistungsbilanz des Landes. Gleichzeitig erhält Brasilien nach der erfolgreichen Revision des IWF-Abkommens rund 4 Mrd. $ der nächsten Kredittranche überwiesen. Damit haben Brasiliens neue Regierung unter Präsident Luiz Inácio Lula da Silva und die Zentralbank einen größeren Spielraum als bisher, um auf Krisen zu reagieren. Die Risikoaufschläge gegenüber US-Schatzbriefen sanken auf rund 1100 Basispunkte, das ist der Stand von Mai vergangenen Jahres, bevor der Wahlkampf Brasiliens Finanzmärkte unter Druck setze. Wegen der raschen Erholung von Brasilien-Anleihen besteht nun jedoch die Gefahr der Gewinnmitnahmen, warnt Arturo Porzecanski von ABN-Amro. Der Lateinamerika-Experte stuft deswegen brasilianische Anleihen als neutral ein, wie Venezuela und Ecuador.

In Ecuador, dessen Bonds in diesem Jahr um 27 % zulegten, bauten Investoren auf die Genehmigung eines neuen IWF-Kredits, was sich am vergangenen Freitag erfüllte. Analysten fürchten jedoch, dass Präsident Lucio Gutierrez in der zweiten Hälfte des Jahres starken Widerstand im Kongress bei der Durchsetzung seiner Reformvorhaben erleben wird. Daher könnten Ecuadors Anleihe-Preise nach Juni fallen, meint Luis Oganes von J.P. Morgan Chase & Co . Bis dahin würden die Anleihen angesichts der IWF-Hilfe "relativ stabil" bleiben.

Peru-Anleihen profitieren davon, dass das Andenland zu den stärksten Wachstumskandidaten dieses Jahres gehört. Die Dresdner Bank prognostiziert 4,5 % Wachstum für 2003. Die Exportunternehmen profitieren von den steigenden Preisen für Metalle und vor allem für Gold, das ein Fünftel der Exporte des Andenlandes ausmacht.

Zu den Lieblingen der Analysten gehört weiterhin Kolumbien. Die Eskalation des Bürgerkriegs mit der Guerilla durch die Konfrontationspolitik des neuen Präsidenten Alvaro Uribe, welche durch die USA massiv unterstützt wird, sollte nach Meinung der Analysten dem stetigen wirtschaftlichen Aufschwung keinen Abbruch tun. Nach Meinung von UBS-Warburg wird Uribe in dem für April geplanten Referendum Unterstützung für seine Politik bekommen. "Obwohl kolumbianische Anleihen sich in den letzten fünf Monaten gut erholten, bleibt bedeutendes Potenzial für weitere Verbesserung", heißt es daher bei UBS.

Schwierig sind dagegen Prognosen über Venezuela: Die Anleihen haben in den letzten Wochen davon profitiert, dass es der Regierung gelungen ist, die Ölförderung wieder herzustellen, obwohl ein Teil der Ölarbeiter weiterhin streikt. Doch Michael Gavin von UBS-Warburg warnt vor Venezuela-Anleihen: "Venezuela hat schwierige Monate vor sich. Ein Absturz der Anleihen auf Tiefs wie vor kurzem sind jederzeit möglich." Lateinamerikanische Bonds werden es vor allem bei europäischen Anlegern weiterhin schwer haben: Nach dem Ausfall der Bonds aus Argentinien und der Zitterpartie während des brasilianischen Wahlkampfs 2002 wird "es vermutlich noch Jahre dauern, bis europäische Anleger wieder Lateinamerika-Bonds nachfragen wie noch vor kurzem, als 70 % der dieser Papiere von europäischen Privatinvestoren gehalten wurden", meint Porzecanski. Bis auf Chile, welches im April 2002 eine 300 Mill. Euro-Anleihe auflegte, hat in letzter Zeit kein lateinamerikanisches Land eine Anleihe in Euro auf den Markt untergebracht.

Doch auf den Zweitmärkten für Lateinamerika-Bonds beobachtet Porzecanski eine zunehmende Umschichtung von Dollar in Euro-Anleihen. "Der Trend wird anhalten weil die Chancen gut stehen, dass Euroanleihen die Dollaranleihen schlagen werden", sagt der ABN-Experte.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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