Experten warnen vor Rückschlägen
Märkte lassen lahmende Konjunktur links liegen

Trotz weltweit schwacher Konjunktur überraschen die internationalen Aktienmärkte mit einer beeindruckenden Kursrally. Experten warnen vor Rückschlägen.

rez/scc/pbs/mak FRANKFURT/M. Allein seit März ist der Deutsche Aktienindex um rund die Hälfte geklettert. Der Dow Jones schaffte ein Plus von knapp 30 %, der Nikkei von knapp 20 %. Dabei haben etliche Börsenindizes psychologisch wichtige Marken überschritten: Der Dax notierte zeitweise über 3 300 Punkten, der breite US-Index S&P 500 bei 1 000, und in Japan überwand der Nikkei erstmals seit Dezember 2002 wieder die 9 000-Punkte-Marke.

In der realen Wirtschaft findet die Euphorie an den Börsen aber wenig Grundlage. Vor allem in Deutschland zeigen wichtige Indikatoren noch nach unten. Selbst die Bundesregierung erwägt mittlerweile eine Anpassung ihrer Wachstumsschätzung. Zwar verkünden Aktienstrategen internationaler Banken und Vermögensverwalter schon das Ende des Bärenmarktes. Ob die Kurse allerdings längerfristig klettern, steht und fällt ihrer Ansicht nach mit einer Erholung der Weltwirtschaft.

Führende internationale Fondsmanager halten Aktien mit Blick auf die erwarteten Firmenergebnisse nun für fair bewertet und sehen nur noch wenig Spielraum für Kurszuwächse, wie eine monatliche Umfrage von Merrill Lynch ergibt. Sie wollen sich der Umfrage zufolge daher mit zusätzlichen Aktienkäufen vorerst zurückhalten, bis die Weltwirtschaft deutliche Anzeichen einer Erholung zeigt. Besonders in Europa fehle es daran.

"Die Märkte erwarten eine Erholung der Wirtschaft", sagt Michael Hartnett, Leiter Aktienstrategie für Europa bei Merrill Lynch. Wenn sie ausbleibt, rechnet er mit einer Kurskorrektur. Die Wahrscheinlichkeit eines kräftigen Kurseinbruchs hält Hartnett allerdings für gering.

Rolf Elgeti von Commerzbank Securities in London meint sogar, die Aktienkurse hätten bereits langsam begonnen, sich von den wirtschaftlichen Fundamentaldaten abzukoppeln. Er erwartet, dass die Aktienkurse im Sommer international um etwa 10 % nachgeben werden. Danach rechnet er mit einer Seitwärtsbewegung. Auch Manfred J. M. Neumann, Wirtschaftsprofessor an der Universität Bonn, warnt vor einem Abkoppeln der Aktienkurse von der absehbaren gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. "Das wilde Steigen des Dax erinnert fatal an den Beginn einer schillernden Seifenblase, die nur so lange bestehen kann, wie alle an sie glauben", sagte Neumann dem Handelsblatt. Indiz für eine Blase sei das seit langem zu starke Steigen der Geldmengen in den USA und in Europa.

Der Wirtschaftsweise Wolfgang Wiegard rechnet für 2003 nur noch mit einem deutschen Wirtschaftswachstum von 0,3 %. Die Experten des Hamburger Welt-WirtschaftsArchivs (HWWA) rechnen im laufenden Jahr mit einer Stagnation. Das Bruttoinlandsprodukt dürfte nach einem Rückgang im ersten Quartal auch im zweiten Vierteljahr schrumpfen. Für 2004 senkte das HWWA seine Prognose auf 1,5 von 1,8 %.

Die Börsenakteure schätzen die realwirtschaftliche Entwicklung jedoch wesentlich positiver ein. Der Konjunkturindex des Zentrums für europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), der die Erwartungen von Analysten und institutionellen Anlegern für die wirtschaftlichen Aussichten auf Sicht der kommenden sechs Monate widerspiegelt, kletterte den Angaben zufolge im Juni auf 21,3 Punkte, nach 18,7 Zählern im Mai. Das ist der sechste Anstieg in Folge - allerdings liegt der Index noch immer unter seinem langjährigen Durchschnitt von 40 Punkten.

Deutschlands Unternehmer sind dagegen so pessimistisch wie seit 1993 nicht mehr. Das ist das Ergebnis der Frühjahrsumfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) unter rund 21 000 Unternehmern. Nur 17 % der Unternehmen rechnen mit besseren Geschäften als im Vorjahr. Eine Verschlechterung erwarten dagegen 42 %. DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben schließt sogar eine leichte Rezession im Gesamtjahr nicht mehr aus.

Immerhin rechnen die Unternehmen weder mit einem dauerhaften Verfall der Preise (Deflation), noch klagen sie über erschwerten Zugang zu Krediten (Kreditklemme). Das HWWA dagegen warnt: "Insbesondere Deutschland gilt zunehmend als Kandidat für japanische Verhältnisse." Aktuell würde aber weder für Deutschland noch für Europa eine unmittelbare Deflationsgefahr bestehen.

Auch die realwirtschaftlichen Daten in den USA geben noch keinen Anlass zu Euphorie. Die Industrieproduktion ist im Mai um 0,1 % gegenüber dem Vormonat gestiegen, nachdem sie im April um 0,6 % eingebrochen war. Die Kapazitätsauslastung lag mit 74,3 % auf dem niedrigsten Niveau seit 1983. Immerhin waren die Einzelhandelsumsätze im Mai unerwartet gestiegen.

Quelle: Handelsblatt

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