Experten warnen vor unabsehbaren Folgen
Nordkorea riskiert den Anfang vom Ende

Russland ist längst in den Westen übergelaufen, China experimentiert mit einer marktwirtschaftlichen Einparteienherrschaft - und jetzt scheint auch Nordkoreas Kommandowirtschaft zu wanken. Doch noch streiten die Experten darüber, ob eine Reform des Rationierungssystems bereits der Einstieg in eine Systemtransformation ist.

TOKIO. Gorbatschow lässt grüßen. Wie der sowjetische Staatschef Mitte der 80er Jahre hat sich das kommunistische Regime in Nordkorea offenbar zu einer graduellen Liberalisierung seiner Kommandowirtschaft entschieden - mit weitreichenden Folgen.

Seit Tagen berichten Medien aus Kreisen in Peking und in Pjöngjang, die nordkoreanische Zentralregierung wolle das Rationierungssystem für Grundnahrungsmittel wie Reis beenden. Stattdessen sollten die Preise auf Marktniveau angehoben, die Löhne erhöht und der Wechselkurs der Währung angepasst werden. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters wird das neue System bereits seit Juni schrittweise umgesetzt. Offiziell gibt es dafür in dem völlig isolierten Staat keine Bestätigung, aber die diplomatische Gerüchteküche brodelt. "Irgendetwas läuft da, aber noch weiß niemand genau was", heißt es in Botschaftskreisen in Pjöngjang.

Sollten wirklich im gesamten Land freie Preise für Nahrungsmittel eingeführt und das Jahrzehnte alte Rationierungssystem aufgegeben werden, könnte dies der Anfang einer hochexplosiven Wirkungskette sein, an deren Ende der Zusammenbruch der Kommandowirtschaft stehen würde. Die Erfahrungen der Transformation des ehemaligen Ostblocks hatte gezeigt, dass eine graduelle Öffnung Planwirtschaften nicht stabilisiert, sondern zwangsläufig über weitere Liberalisierungsschritte zu einem Marktwirtschaftlichen System führt.

So warnen bereits jetzt Experten in Südkorea vor den Folgen einer Preisfreigabe in dem völlig verarmten Nordkorea. "Es ist unmöglich, jetzt im ganzen Land Marktpreise für Reis einzuführen. Hunderte, tausende von Menschen würden sterben, weil sie sich die Grundnahrungsmittel nicht leisten könnten", sagt Nordkorea-Experte Jinwook Choi vom Korea Institut für Nationale Vereinigung (KINU) in Seoul. Während andere kommunistische Staaten wie China ihre Preise vor Jahren freigegeben haben, bestehe in Nordkorea ein eklatanter Mangel an Nahrungsmitteln. Ein Ende der Rationierungen würde daher die Marktpreise gewaltig in die Höhe schnellen lassen. Daher bezweifelt Choi, dass die Preise in absehbarer Zeit freigegeben werden, "vielleicht in einigen Testzonen, aber nicht im ganzen Land".

Bereits jetzt wird auf Nordkoreas Schwarzmärkten für Nahrungsmittel rund das Zehn- bis Zwanzigfache dessen bezahlt, was die Regierung für die staatlichen Rationen nimmt. Eine Freigabe könnte die Preise für Reis mehr als verhundertfachen. Die Löhne sollen den Berichte zufolge aber nur um das 10 bis 17-fache steigen und zum Teil nach Leistungskriterien berechnet werden. Und selbst diese Lohnanpassungen könne die nordkoreanische Regierung wohl kaum finanzieren, sagt Nordkorea-Experte Dongho Jo vom Korea Development Institute (KDI) in Seoul.

Daher werten einige Beobachter einem solchen Schritt als Verzweiflungstats, um das System vor dem Kollaps zu retten. Seit Jahren kann Nordkorea seine Bevölkerung nur durch Nahrungsmittelhilfen aus dem Ausland ernähren. Dürrejahre machen den rund 22 Millionen Einwohnern zu schaffen. Zwar hofft die Regierung, dass der Rohstoffreichtum des Landes für eine wirtschaftliche Erholung genutzt werden kann. Experten sprechen aber von einer Infrastruktur, die so veraltet ist, dass nicht an einen Wiederaufbau der zusammengebrochenen Wirtschaft zu denken ist. Wichtigster Sektor des seit 1945 kommunistisch regierten Landes ist die Agrarwirtschaft.

Politische Beobachter betonen zudem, dass viele Strukturen der zentral regierten Kommandowirtschaft unter dem "großen Führer" Kim Jong Il einer Wirtschaftserholung im Weg stehen. Daran würden auch einzelne Preiserhöhungen nichts ändern. Als Motiv für eine Teilreform vermutet Nordkorea-Experte Jo daher den Versuch der Regierung, die Schwarzmärkte zu bekämpfen. "Ich glaube nicht, dass dies das Ende der Planwirtschaft bedeutet, es soll sie eher stärken," sagt Jo. "Aber wer weiß, vielleicht können wir hundert Jahre später sagen, dass es letztlich der Anfangspunkt des Wandels in Nordkorea war.

Auch außenpolitisch kommen die Berichte aus Pjöngjang zu einem überraschenden Zeitpunkt. Erst vor einem Monat hatte eine Schießerei zwischen einem nord- und einem südkoreanischen Schiff im Gelben Meer Spekulationen über einen neuen Konfrontationskurs Pjöngjangs Auftrieb gegeben. Politische Beobachter sehen nun einmal mehr Zeichen dafür, dass in der politischen Führung Nordkoreas über den weiteren Kurs gestritten wird. Vor allem der einflussreiche Nachbar China drängt auf Reformen.

Die Meinungen darüber, wie lange Nordkoreas Planwirtschaft noch durchhalten kann, gehen auseinander. Jo ist überzeugt, das Land nördlich des 38. Breitengrads könne auf Grund der ungeheuren Abschottung auch mit gravierenden wirtschaftlichen Problemen unbegrenzt weitermachen. Choi ist anderer Meinung: "Die Regierung hat die Deadline für eine Systemänderung schon lange überschritten. Der Wechsel kann jeden Moment kommen, er ist schon überfällig."

Quelle: Handelsblatt

Nicole Bastian
Nicole Bastian
Handelsblatt / Ressortleiterin Ausland
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