Experten warnen vor zu großem Optimismus
Bei Nebenwerten locken einige Schnäppchen

Nach dem Ende des High-Tech-Booms fliehen die Anleger in Scharen aus den Small Caps. Dabei lässt sich gerade unter den Börsenzwergen aus Traditionsbranchen so manche Perle entdecken. Wer diese fischen will, muss jedoch mit den Tücken hoher Volatilität und geringer Liquidität zurechtkommen.

HB LONDON. Im August vergangenen Jahres hatte Derek Lovelock genug vom Aktienmarkt. Flugs stellte der Chef des kleinen britischen Mode Oasis Stores Ltd. -Filialisten ein so genanntes Management Buyout auf die Beine, also eine Unternehmensübernahme durch die Führungskräfte, und nahm das Unternehmen von der Börse. Das Parkett sei einfach nichts für seine Firma gewesen, so Lovelock. Ein kluger Schachzug des Managers, denn seit Oasis die Fesseln des Kapitalmarkts abgelegt hat, kletterte der Nettogewinn des Unternehmens um die Hälfte. "Jetzt ist es möglich, die Firma nach rein kommerziellen Gesichtspunkten zu führen", freut sich Lovelock. Börsennotierte Unternehmen stünden dagegen unter einem ganz anderen Druck. Ihnen würden Ziele aufgezwungen, die von kurzlebigen Bewertungs-Moden diktiert werden. Was dabei für die einzelne Gesellschaft sinnvoll sei, spiele keine Rolle.

Der Oasis-Chef ist mit seiner Unzufriedenheit über den Kapitalmarkt nicht alleine. Viele Anleger ärgern sich, dass kleine Unternehmen, so genannte Small Caps, von den Analysten meist links liegen gelassen, wenig gehandelt werden und mit einem Abschlag auf den Rest des Marktes notieren. Genau deshalb bieten sie aber auch Chancen. Der MSCI European Small-Cap-Index hat 2002 bis Ende September 19 % und seit Anfang 2000 31 % verloren. Der Blue-Chip-Index Dow Jones Stoxx 50 brach dagegen um 32 % beziehungsweise 48 % ein.

Der Vorsprung der Nebenwerte wird gerne übersehen. Weil sie von den Technologieaktien enttäuscht sind, verlassen viele Investoren fluchtartig die einst heiß begehrten Marktsegmente für kleine Wachstumstitel. Folge: Einzelne Börsensegmente wie etwa der Neue Markt und der Swiss New Market werden geschlossen und die Investmentbanken verkleinern die Zahl ihrer Analysten, die Small Caps unter die Lupe nehmen.

Dennoch: Die traditionellen Mittelständler sind nicht ganz von den Radarschirmen der Investoren verschwunden. Das liegt unter anderem daran, dass es dort oftmals leichter ist, unterbewertete Gesellschaften zu finden. Allerdings haben die Börsenzwerge auf der anderen Seite den Nachteil, dass ihre Kurse wesentlich größere Ausschläge als der gesamte Markt aufweisen. Unter ihnen gibt es keine Pharmaaktien, keine Ölriesen und nur wenige Telefonunternehmen. Stattdessen sind viele der Kleinunternehmen abhängig von der allgemeinen Wirtschaftslage, weil sie im Baugewerbe, im Handel, in der Medien- oder Freizeitindustrie aktiv sind. Niedrige Zinsen und eine stabile Konjunktur sind deshalb positiv für diesen Sektor, steigende Zinsen dagegen hinderlich.

Chancen auf gute Gewinne

Ihr Dasein im Verborgenen bietet ambitionierten Fonds-Managern jedoch Einstiegsgelegenheiten. Mit großen Titeln wie Vodafone, die von unzähligen Analysten und Vermögensverwaltern beobachtet werden, ist es nahezu unmöglich, den Markt zu schlagen. Wenn jedoch nur eine Handvoll Experten und Investoren eine Firma im Blick haben, sind Anleger in einer viel besseren Position. "Jetzt wo die Investmentbanken ihre Small-Cap-Teams abspecken, steigen die Chancen auf gute Gewinne", glaubt John Evans von Aberforth Partners - in den vergangenen zwei Jahren die erfolgreichsten Fonds-Manager der Briten bei den Small Caps.

Für unerfahrene Anleger sind Fonds mit Schwerpunkt Small Caps jedoch tückisch. Die Performance der einzelenen Angebote schwankt beträchtlich, denn es kommt vor allem darauf an, welches Händchen der Manager bei der Aktienauswahl beweist. Nach einer Untersuchung von Russell/Mellon Caps lag die Differenz in der Wertentwicklung der besten und schlechtesten Fondsmanager in Großbritannien bis Ende Juli bei 21 Prozentpunkten. Bei den Fondsmanagern die den gesamten britischen Markt betreuen, betrug der Unterschied dagegen nur 9 %. Der Unterschied zwischen guten und schlechten Fondsmanagern kann in Zeiten, in denen Small Caps besser als der Markt abschneiden, jeglichen Vorteil für die Investoren zunichte machen. Dazu reagieren die Small Caps empfindlicher auf Konjunktureinbrüche als große Werte. Experten warnen daher, nicht zu erwartungsfroh in den Sektor zu investieren. "Zurzeit sind unter den Kleinunternehmen ordentliche, aber keine verlockenden Werte", so ein Fondsmanager. Irgendwann aber könnten die Small Caps wieder in Mode kommen - und der Markt hat das Nachsehen.

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