Experten warnen vor Euphorie
Der russische Aktienmarkt boomt

Der russische Aktienmarkt hat sich seit Jahresbeginn stürmisch entwickelt. Der RTS-Interfax-Index des Computerhandels legte um mehr als 65 % zu und überwand wieder die psychologisch wichtige Marke von 200 Punkten. Der Aufschwung sei vor allem auf den Anstieg der Weltmarktpreise für Erdöl und Gas zurückzuführen, sagte ein Sprecher eines westlichen Investmentfonds, der 100 % seiner Aktiva in Russland anlegt. Dagegen bewertete er die Wirtschaftsreformen in Russland kritisch.

dpa-afx MOSKAU. "Die Frage, wie die russische Wirtschaft ohne die positiven äußeren Faktoren überleben wird, bleibt weiterhin offen", sagte der Fonds-Sprecher der Nachrichtenagentur Interfax. Russland erwirtschaftet den Großteil der Devisenerlöse nach wie vor mit dem Export von Energieträgern.

Durchhalten zahlte sich aus

Der Aufschwung auf dem russischen Aktienmarkt belohnt jene Händler, die auf dem russischen Markt geblieben sind, obwohl sie einen beträchtlichen Teil ihrer Investitionen bei der schweren Finanzkrise im August 1998 verloren hatten.

Der Markt bleibt weiterhin äußerst anfällig für Kursschwankungen. Ein Hauptgrund dafür ist der im internationalen Vergleich äußerst geringe Umsatz von zuletzt weniger als zehn Mill. $ (21,5 Mill. DM/11 Mill. Euro) pro Tag. Für so manchen Wert wird über Tage kein Kaufangebot abgegeben.

Dagegen verweist Denis Nuschtajew, Analyst der russischen Investitions- und Finanzgesellschaft Metropol, auf das große Potenzial des russischen Aktienmarktes. "Die jüngste Erhöhung der Kreditwürdigkeit mehrerer russischer Emittenten durch die internationale Rating-Agentur Standard & Poor's gibt dem russischen Aktienmarkt einen starken Impuls, was in einigen Monaten deutlich zu spüren sein wird."

Der Experte schloss nicht aus, dass der RTS-Interfax-Index auf mehr als 300 Punkte klettert. So hoch lag der Index zuletzt vor mehr als drei Jahren. Er wäre damit allerdings noch weit von seinem Höchststand von 571,66 Punkten im Oktober 1997 entfernt. Genau ein Jahr später, Anfang Oktober 1998, war das Börsenbarometer dann unter dem Druck der Finanzkrisen in Asien und Russland auf das Allzeittief von nur noch 37,74 Punkten gestürzt.

Fachleute einiger Moskauer Investmentfirmen warnen auch jetzt davor, zu sehr auf ein weiteres Wachstum des russischen Marktes zu setzen. Angesichts einer drohenden Rezession in den USA sollten Anleger eher in russische Schuldverschreibungen als in Aktien investieren, bis sich die Lage auf anderen aufstrebenden Märkten stabilisiert habe, sagte ein Experte der Investmentgesellschaft Troika Dialog, der anonym bleiben wollte.

Die Risiken sind weiterhin sehr hoch

Das Wirtschaftssystem in Russland wird nach seinen Worten immer noch geprägt durch die "nicht konkurrenzfähige Verarbeitungsbranche und den boomenden Rohstoffsektor, der gegenüber der Konjunktur auf dem Außenmarkt äußerst sensibel ist". Es mangele an Investitionen, das Kapital fließe zu schnell ab, die Wirtschaft wachse zu langsam.

Eine Flaute in den USA, gepaart mit einem Misserfolg der Reformen in Russland, könnte dazu führen, dass der russische Markt seine Gewinne einbüße, warnt der Finanzexperte. Die russische Wirtschaft sei zwar nicht unmittelbar auf die US-Wirtschaft angewiesen, habe jedoch nicht genug Kraft, globale ökonomische Erschütterungen unversehrt zu überstehen.

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