Experten ziehen sich zurück
„Nur Spitzenpositionen kommen für Ausländer in Frage“

Wenn Wilfried Seemann seinen Schreibtisch verlässt und aus dem Eckzimmerfenster schaut, sieht er ein grünes Hinweisschild für Touristen. Denn der Hamburger Bankmanager arbeitet dort, wo andere sich vergnügen: im historischen Zentrum von Vilnius, der Hauptstadt Litauens.

VILNIUS. Seit dreieinhalb Jahren leitet Seemann die Filiale der Vereins und Westbank, - die sich in einem restaurierten Eckhaus mit Stuckdecken befindet. "Es ist ein Vorteil, wenn man Erfahrungen im Osten gesammelt hat. Ich bin im zehnten Jahr in dieser Region", sagt Seemann. Zuvor war er in St. Petersburg und in Riga tätig.

Kaum einen Kilometer von der Vereinsbank-Niederlassung Vilnius entfernt steht das restaurierte Hotel Astorija, Baujahr 1901. Auf der Glasveranda sitzt Conrad Meier und nippt an seiner Teetasse. Die Gäste und Angestellten hat er fest im Blick. Meier ist General Manager des Hauses, das zu Radisson SAS gehört. "Nach Litauen bin ich zurückgekommen, weil es mir hier so gut gefällt", sagt der 36-Jährige aus Bad Ragaz. Zuvor leitete er ein Ferienhotel in Ägypten und davor hat er als General Manager das Radisson SAS Hotel in der litauischen Hafenstadt Klaipeda eröffnet. Seine Lebensgefährtin ist Litauerin.

Conrad Meier aus der Schweiz und Wilfried Seemann aus Deutschland sind Ausnahmen auf dem litauischen Arbeitsmarkt. "Für Ausländer sind Karrieren in Litauen zwar möglich, aber tatsächlich kommen meistens nur Spitzenpositionen in Frage. Sonst sind Deutsche und andere Ausländer aus dem Westen einfach zu teuer", sagt Aldas Kikutis von der Delegation der Deutschen Wirtschaft in Litauen. Zahlen geben ihm Recht.

Etwa 800 Deutsche leben in Litauen. Davon sind ungefähr 200 entsandte Fach- und Führungskräfte. Doch diese Zahl schrumpft. Denn viele Unternehmen ziehen ihre deutschen Experten allmählich zurück und ersetzen sie durch Litauer. Insgesamt sind weniger als 100 deutsche Unternehmen in Litauen ansässig. An weiteren rund 300 Firmen, die aktiv am Marktgeschehen teilnehmen, sind Deutsche beteiligt.

"Es gibt viele gut ausgebildete und preiswerte litauische Bewerber", bestätigt Dirk Zwick. Der Westfale arbeitet in der Industriestadt Siauliai als Direktor der Fahrradfabrik AB Baltik Vairas, eines Tochterunternehmens der Pantherwerke in Löhne. "Hier bleiben Karrieren für Deutsche die Ausnahme", prophezeit er. Üblich sei das Anschub-Modell: Ein deutscher Mitarbeiter in einer Schlüsselposition schult litauische Mitarbeiter und zieht sich anschließend zurück.

Die besten Chancen in Litauen haben Deutsche, die als selbstständige Unternehmer kommen. "Dafür sind aber Kenntnisse der litauischen Sprache notwendig, vor allem außerhalb von Vilnius", meint Aldas Kikutis. Lücken im litauischen Markt bietet zum Beispiel die IT-Branche. Sie erwirtschaftet sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukt und besteht bislang nur aus kleinen Firmen mit weniger als zehn Mitarbeitern. Ebenso vielversprechend seien die Möbelherstellung und die Gewinnung alternativer Energien, zum Beispiel Biogas.

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