Experten zweifeln am Erfolg der Suche nach Bin Laden.
Tausende Fluchtwege aus Afghanistan

Nach dem Sturz des Taliban-Regimes wollen die USA und ihre Verbündeten nun die Flucht des mutmaßlichen Terroristenführers Osama bin Laden und seiner Anhänger ins Ausland verhindern. US-Aufklärungsflugzeuge und Sondereinheiten suchen das Land nach Kämpfern des El-Kaida-Netzwerks ab und richten ihr Augenmerk dabei auf Höhlen und andere mögliche Verstecke.

ap KABUL. Der frühere afghanische Rebellenkommandeur Ghulam Mohammed, der jahrelang im Grenzgebiet zu Pakistan lebte, zweifelt stark am Erfolg der Bemühungen, Bin Laden zu ergreifen. Mühelos könnten die fliehenden El-Kaida-Kämpfer auf buchstäblich tausenden Pfaden die Grenze nach Pakistan überqueren und ins Ausland abtauchen, meint der Kriegsveteran. Die zerklüftete Bergregion bot den Rebellen schon während der sowjetischen Invasion Schutz vor den Eliteeinheiten der Roten Armee.

Der Zugang zu den Bergverstecken ist laut Mohammed für Uneingeweihte äußerst tückisch. Unendlich viele Pfade winden sich entlang der Bergkette, sich nähernde Feinde können mühelos schon aus weiter Ferne erspäht werden. Als Beispiele beschreibt Mohammed zwei Stützpunkte in einem aufragenden Bergmassiv, der die ostafghanische Provinz Nangarhar bei Dschalalabad mit dem entlegenen pakistanischen Tirah-Tal verbindet. Das Tirah-Tal ist ein perfektes Versteck und ein idealer Ort, um unbemerkt die Grenze zu überqueren. Seit mehr als 1000 Jahren ist das Tal isoliert, und in den 90er Jahren scheiterte ein Versuch der pakistanischen Regierung, eine Straße in das Gebiet zu bauen, am Widerstand der bis an die Zähne bewaffneten Stämme.

Zur Zeit der sowjetischen Besatzung in den 80er Jahren führte ein Bergpass aus dem Tirah-Tal nach Afghanistan, über den sich die Rebellen mit US-Unterstützung mit Waffen und Vorräte versorgten. Der Weg durch das felsige Wüstengelände, der bis auf rund 3 000 Meter Höhe ansteigt und nur zu Fuß oder mit Maultieren zu bewältigen ist, dauert drei Tage und drei Nächte.

Mohammed kämpfte für die Gruppe Hesb-i-Islami von Gulbuddin Hekmatjar und lebte in einem der beiden Rebellen-Stützpunkte im Berg Maru. Beide Lager wurden von anti-kommunistischen Rebellen betrieben und von den USA und anderen westlichen Staaten finanziert. Die hier lebenden Gruppen hatten laut Mohammed mehr Araber in ihren Reihen als alle anderen Rebellenorganisationen. Als die Taliban am 13. November Kabul aufgaben, hielt sich Mohammed in Dschalalabad auf, der Hauptstadt von Nangarhar. Nach seiner Darstellung flohen viele arabische El-Kaida-Kämpfer aus Dschalalabad in den 50 Kilometer südöstlich gelegenen Ort Nasjan, um von dort nach Bander am Fuß des Maru-Massivs zu ziehen. "Es ist unmöglich, in die Maru-Lager zu gelangen, ohne von Kämpfern am Stützpunkt gesehen zu werden", sagt Mohammed. Ich habe drei Jahre dort gelebt. Wir konnten in jeder Richtung die Menschen sehen, die sich uns näherten."

Die beiden Lager in dem Berg gehören zu Hekmatjars Hesb-i-Islami und der Organisation Ittehad-i-Islami von Abdul Rassuf Sajjaf, die enge Bande zu Saudi-Arabien unterhält und tausende arabischer Kämpfer in ihren Reihen zählt. Vom Berg Maru aus kann man leicht ins Tirah-Tal gelangen und von dort ist es ein Leichtes, durch ein Labyrinth von Pfaden unbemerkt weiterzureisen. Die Stämme im Tirah-Tal beäugen die pakistanischen Behörden von jeher mit Misstrauen und setzen alles daran, ihre Unabhängigkeit und traditionelle Lebensweise zu bewahren.

Derartige Fluchtwege aus Afghanistan gibt es buchstäblich zu tausenden. Ein anderer möglicher Weg führt durch Sada in der nordöstlichen Provinz Kunar zum Malakand-Gebiet in Pakistan. Diese Zone steht unter Kontrolle des extremistischen Geistlichen Sufi Mohammed, der mit den Taliban sympathisiert. Wegen der Rekrutierung tausender Kämpfer für den Kampf gegen die USA wurde Mohammed vor wenigen Tagen zu drei Jahren Haft verurteilt.

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