Expertenmeinung
Interview: "Fünf Jahre bis zum Börsen-Boom"

Ted Weisberg - Präsident von Seaport Securities - beobachtet als Händler an der Wall Street seit 30 Jahren den Aktienmarkt. Er ist zurzeit nicht sehr optimistisch.

Herr Weisberg, als Händler bekommen Sie die Stimmung der Investoren hautnah mit. Wie lange wird es nach Ihrer Einschätzung dauern, bis sie wieder Vertrauen in den Aktienmarkt fassen?

Es ist sehr viel Vertrauen zerstört worden. Manche Anleger haben Millionen Dollar durch die Schwäche des Aktienmarktes verloren. Viele Leute haben zwar nur ein relativ kurzes Gedächtnis. Aber ich glaube, es wird dennoch mindestens fünf Jahre dauern, bis wir wieder einen richtigen Boom erleben. Fünf Jahre, das ist beinahe eine ganze Generation von Anlegern.

Glauben Sie, dass bis zum nächsten Aufschwung die Aktienkurse noch weiter sinken werden?

Bei den Tech-Werten ist das Schlimmste vorbei, glaube ich. Ich war die meiste Zeit skeptisch gegenüber diesen Aktien. Aus zwei Gründen: Erstens bin ich damals zu spät eingestiegen, und so etwas ärgert einen immer. Zweitens bin ich schon seit 30 Jahren im Geschäft und habe deswegen bereits einige Male gesehen, wie eine Luftblase an der Börse zerplatzt.

Und wie sehen Sie die anderen Aktien außerhalb des Tech-Sektors?

Insgesamt bin ich mir nicht so sicher, ob es nicht noch weiter hinuntergeht mit den Kursen. Im besten Fall sehen wir auf absehbare Zeit einen ausgeprägten Seitwärtstrend, bis wir wieder an langfristige Aufwärtstrends anknüpfen können. Im schlimmsten Fall geht die Börse vorher noch deutlicher in die Knie. Auf der anderen Seite: Schwache Märkte bieten auch Einstiegschancen für langfristig orientierte Anleger. Man muss sich allerdings die Mühe machen und wirklich nach Qualitätsaktien suchen.

Welche Rolle spielen Hedge-Fonds bei der augenblicklichen Schwäche? Sie werden häufig mit für drastische Kursbewegungen verantwortlich gemacht.

Diese Fonds stehen traditionell mehr auf der Verkäufer- als auf der Käuferseite. Und da liegen sie zurzeit sehr gut, denn wir haben eher einen Abwärts- als einen Aufwärtstrend. In der Boomphase ging alles aufwärts, und zwischendurch gab es immer wieder Einbrüche. Heute ist es genau umgekehrt, es geht abwärts, und wir haben ab und zu eine kleine Rally. Hedge-Fonds können gut verdienen, wenn sie nach einer solchen Rally rechtzeitig auf der Verkäuferseite einsteigen.

In den letzten Jahren sind in den USA vor allem die kleineren Werte aus der zweiten Reihe - gegen den allgemeinen Börsentrend - gut gelaufen. Wird sich diese Entwicklung Ihrer Meinung nach noch eine Weile fortsetzen?

Ich glaube schon, dass die Nebenwerte weiterhin besser laufen werden als die großen Titel. In diesem Bereich gibt es von der Bewertung her noch echtes Potenzial.

Wie beurteilen Sie die Rolle der großen Banken und der Analysten an der Wall Street? Die sind ja sehr stark in die Kritik geraten, Merrill Lynch sogar ins Visier der Staatsanwaltschaft.

Ich möchte diese Vorgänge nicht im Einzelnen kommentieren. Aber schauen wir nach vorn: Diese Sache hat das Bewusstsein für die Verantwortung gegenüber den Anlegern gestärkt, und das kann nur gut sein.

Welche Rolle haben die Medien nach Ihrer Einschätzung beim Börsenboom gespielt?

Eine sehr große Rolle. Viele Anleger haben sich stark vom Fernsehen beeinflussen lassen. Und die Medien haben manchmal den Eindruck erweckt, an der Börse zu investieren sei sehr leicht. Aber in Wirklichkeit ist es sehr schwierig, erfordert viel Studium von Fakten und Zahlen - und es gibt immer ein Risiko. Ich finde es deswegen wichtig, dass man nicht nur fernsieht, sondern sich auch andere Informationen beschafft.

Manche Leute behaupten auch mit einer gewissen Häme, dass die Anleger selbst schuld sind an dem Börsendesaster, weil sie einfach den Hals nicht vollkriegen konnten und die Kurse so weit aufgepumpt haben, bis es nicht mehr weiterging. Wie sehen Sie das?

Kursblasen und starke Einbrüche sind häufig die Folgen von Gier und Angst. Die vernünftige Überlegung kommt in solchen psychologisch geprägten Phasen häufig zu kurz.

Spielt dabei auch der elektronische Handel eine Rolle?

Ja, sogar eine wichtige Rolle. Über diese elektronischen Systeme können die Kunden direkt kaufen, ohne dass wir irgendeinen Einfluss darauf haben. Das hat sehr zur Überhitzung der Börse beigetragen. Dabei muss ich die Kritik auch an mich selbst richten, weil unsere Firma diese Möglichkeit ihren Kunden auch anbietet.

Hätte der Einfluss des Brokers denn Fehlentscheidungen verhindert?

Vielleicht schon. Im traditionellen Geschäft haben wir so eine Art Filterfunktion. Früher hat niemand eine Aktie gekauft, ohne vorher mit jemandem zu reden, der eine zweite Meinung dazu abgibt. Da sind viele Entscheidungen vorsichtiger getroffen worden.

Auf welche Aktien sollen Anleger, die trotz allem den Mut nicht verloren haben, denn achten?

Viel Aufmerksamkeit verdient heute wieder die Dividende. Wir können in den nächsten Jahren nicht mehr so hohe Renditen erwarten, deswegen bekommt sie wieder viel mehr Gewicht. So wurden früher Aktien auch gehandelt: Man kaufte sie und hoffte auf eine Gewinnausschüttung. In mancher Beziehung kehren wir wieder dahin zurück.

Was ist für Sie die wichtigste Lehre aus dem Zusammenbruch des großen Börsenbooms?

Dass man Aktien mit Vorsicht kaufen sollte. Sie bieten langfristig gute Gewinnchancen, aber da ist immer auch das Risiko.

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