Expertenumfrage zur Strategiereform der Europäischen Zentralbank
EZB lässt wichtige Fragen offen

Professionelle Beobachter der Europäischen Zentralbank sehen die in der letzten Woche beschlossene Strategiereform der Notenbank überwiegend als einen Schritt in die richtige Richtung. Sie bemängeln allerdings, dass zentrale Formulierungen sehr unklar sind und deuten die neue Zielsetzung unterschiedlich.

Die Neuformulierung der Strategie der Europäischen Zentralbank (EZB) hat bei Notenbankbeobachtern viele Fragen offen gelassen. Zwar begrüßen die meisten Volkswirte die Umstellung als Schritt in die richtige Richtung. Das Urteil beruht aber teilweise auf gegensätzlichen Interpretationen des Beschlossenen.

Von 14 Volkswirten deutscher und internationaler Banken und Hochschulen lehnte mit Thorsten Polleit von Barclays Capital nur einer die Reform ab, weil sie in die falsche Richtung gehe. Für zwei, Holger Schmieding von der Bank of America und Cesar Molinas von Merrill Lynch wird sie als völlig unzureichend abgelehnt. Für sechs der Volkswirte ist die Neuformulierung immerhin ein (kleiner) Schritt in die richtige Richtung. Fünf äußerten sich klar positiv zu der gefundenen Lösung.

Zwei Neuerungen zogen das Hauptinteresse auf sich. Die alte Definition von Preisstabilität - eine Inflationsrate von "weniger als zwei Prozent" - ist zwar bestätigt worden. Gleichzeitig hatte der EZB-Rat jedoch verkündet, eine Inflationsrate "nahe zwei Prozent" anzustreben. Daneben verlor die Geldmenge nach einhelliger Meinung mit den beschlossenen Veränderungen ihre zumindest deklaratorisch "hervorgehobene" Rolle in der Strategie.

"Die Geldmenge dient künftig nur noch dazu, das Ergebnis der auf den übrigen Wirtschaftsindikatoren beruhenden Analyse der Inflationsaussichten gegenzuchecken", sagte Julian Callow von Credit Suisse First Boston (CSFB). Nach Meinung der Volkswirte hat diese konzeptionelle Änderung aber keine Bedeutung für die praktische Geldpolitik. "Der EZB-Rat hat nur die Theorie in Einklang mit dem gebracht, was er ohnehin schon die ganze Zeit tut", brachte Thomas Mayer von der Deutschen Bank den Konsens zum Ausdruck. Die Ökonomen geben der Neuerung dennoch erhebliche Bedeutung: "Die Änderungen machen die Kommunikation der EZB mit der Öffentlichkeit viel einfacher. Die größere Transparenz wird die Glaubwürdigkeit der EZB erhöhen", lobte David Walton von Goldman Sachs.

Einige derer, die den EZB-Rat loben, tun dies aus entgegengesetzten Richtungen, weil sie die neu formulierte Zielsetzung unterschiedlich interpretieren. So betrachten Julian Callow (CSFB), David Walton (Goldman Sachs) und Dieter Wermuth (UFJ) das neue Preisziel als lockerer und damit besser als das alte. Joachim Fels (Morgan Stanley) und Thomas Mayer (Deutsche Bank) sehen die Neuformulierung dagegen nur als Klarstellung der bisherigen, von ihnen unterstützten Zielsetzung.

Thorsten Polleit (Barclays Capital), ein entschiedener Anhänger der Geldmengensteuerung nach Art der Bundesbank, befürchtet auf Grund der Herabstufung der Bedeutung der Geldmenge den Abschied von der "regelgebundenen" Geldpolitik. Auch glaubt er, dass die Neuinterpretation der Preisstabilität zu künftig höherer Inflation im Euroraum führen könnte.

Paul De Grauwe, Ökonomieprofessor in Leuven und belgischer Kandidat für einen Posten im EZB-Direktorium, nimmt mit fünf Anderen eine Zwischenposition ein: "Ein erster Schritt in die richtige Richtung", sagte er, "aber sie hätten den ganzen Weg gehen sollen." Er bemängelt vor allem, dass der EZB-Rat sich nicht zu einem eindeutig symmetrischen Preisziel nach dem Vorbild etwa der Bank von England durchringen konnte. Das würde beinhalten, dass Abweichungen nach oben und untern ausdrücklich gleich bewertet werden. Auch hier hängt viel von der Interpretation ab. David Walton etwa ist so positiv gestimmt, weil er diese symmetrische Zieldefinition aus den Formulierungen des EZB-Rats herausliest. "Ein Prozent bleibt die Untergrenze des Toleranzbereichs der EZB und man kann nun davon ausgehen, dass 2,5 bis drei Prozent die Obergrenze darstellt", meint Walton.

Einigen ist das Inflationsziel mit knapp zwei Prozent noch zu niedrig. So bevorzugen etwa Michael Hüther (Deka-Bank) und Klaus Wiener (AM-Generali Finanz) 2,5 Prozent. Wegen der erheblichen strukturellen Inflationsunterschiede im Euroraum werde Deutschland eine Inflationsrate nahe null zugemutet, kritisieren sie. Julian von Landesberger (HVB) beklagt, dass das Inflationsziel in der neuen Formulierung noch zu niedrig, zu unpräzise und asymmetrisch formuliert ist. Jonathan Hoffman (Royal Bank of Scotland) vermisst ebenfalls Klarheit und bedauert, dass die EZB nach wie vor keine Sitzungsprotokolle veröffentlicht.

Wann die neue Strategie wieder überprüft werden soll, hat der EZB-Rat nicht mitgeteilt. Michael Hüther und Klaus Wiener tippen auf das Jahr 2007, wenn vermutlich die ersten neuen EU-Beitrittsländer zur Währungsunion gestoßen sind.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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