Explodierende Arzneimittelausgaben setzen Krankenkassen unter Druck – Neuer Finanzausgleich soll Großkassen schon 2002 entlasten
Ulla Schmidt fürchtet steigende Beiträge der Kassen

Der Anstieg der Arzneimittelausgaben hat sich beschleunigt. Die Gefahr wächst, dass zahlreiche Krankenkassen spätestens zu Beginn des kommenden Jahres ihre Beitragssätze erhöhen müssen. Schon das erste Quartal 2001 schlossen die Kassen mit einem Defizit von über 2 Mrd. DM ab.

BERLIN. Gesetzlich Krankenversicherten und ihren Arbeitgebern stehen spätestens im nächsten Jahr deutliche Erhöhungen ihrer Krankenkassenbeiträge ins Haus. Grund sind die stark steigenden Ausgaben der Kassen für Arzneimittel. Sie verschlangen fast ein Fünftel der Einnahmen der Kassen.

Nach aktuellen Daten der Apotheken, die dem Handelsblatt vorliegen, hat sich der Ausgabenanstieg bei Arzneimitteln im zweiten Quartal mit 10,4 % gegenüber den ersten drei Monaten des Jahres (7,8 %) noch einmal beschleunigt. Damit bestätigten sich Befürchtungen der Krankenkassen. Sie hatten vor einem ungebremsten Ausgabenanstieg im Arzneimittelbereich gewarnt, nachdem Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) überraschend die gesetzlichen Ausgabenobergrenzen für Medikamente gestrichen hatte.

Besonders betroffen von der Ausgabenerhöhung sind die Ortskrankenkassen und die Ersatzkassen. Sie schlossen bereits das erste Quartal mit Defiziten von rund 440 Mill. beziehungsweise 140 Mill. DM ab. Demgegenüber schreiben die Betriebskrankenkassen trotz im Durchschnitt niedrigerer Beitragssätze weiter schwarze Zahlen. Ihre Arzneimittelausgaben haben sich seit Jahresbeginn kaum erhöht.

Auch die Gesundheitsministerin schloss am Montag Beitragserhöhungen nicht mehr aus. Sie habe keinen Überblick, wie sich die Beiträge entwickeln werden, erklärte sie. Bislang haben nur zwei Ortskrankenkassen und einige kleinere Kassen ihre Beitragssätze angehoben. Die anderen Ortskrankenkassen und die großen Ersatzkassen warten trotz roter Zahlen ab. Sie fürchten, dass bei steigenden Beiträgen zu viele Versicherte zu preiswerteren Krankenkassen wechseln und ihre Einnahmen deshalb unterm Strich sinken.

Mit Beitragssätzen von 13,9 und 13,8 % liegen die Barmer und die DAK bereits heute über dem Durchschnitt von 13,6 %. Bei den Ortskrankenkassen liegen die Sätze zwischen 13,5 % und fast 15 %. Dagegen fordern die Betriebskrankenkassen im Durchschnitt nur einen Beitrag von 12,5 % des Bruttoeinkommens. Von Beitragserhöhungen der Orts- und Ersatzkassen wären weit über 30 Millionen Versicherte und ihre Arbeitgeber betroffen.

Deshalb will die Gesundheitsministerin die Reform des Finanzausgleichs zwischen den Krankenkassen vorziehen. Die Reform sieht die Einrichtung von Betreuungsprogrammen für sieben chronische Krankheiten vor. Die Durchschnittskosten für die Programme sollen aus dem Finanzausgleich erstattet werden. Da die großen Ersatz- und Ortskrankenkassen die meisten chronisch Kranken versichern, könnten sie mir erheblichen Zusatzeinnahmen aus dem rund 27 Mrd. DM schweren Finanzausgleichstopf rechnen.Schmidt will vier der Programme, auf die sich nach ihrem ursprünglichen Gesetzentwurf Krankenkassen und Experten in einem mühsamen Abstimmungsprozess einigen sollten, nun direkt im Gesetz festschreiben. Dies würde bedeuten, dass sie am 1. Januar 2002 sofort in Kraft treten anstatt erst noch ausgehandelt zu werden.

Nach Schmidts Ansicht ist dies für Brustkrebs, Bluthochdruck, koronare Herzkrankheit und Diabetes möglich, da es für diese vier Krankheiten bereits unter Experten unstrittige Behandlungsleitlinien gibt. Dagegen hält das Bundesversicherungsamt, dass die Programme zertifizieren muss, eine Umsetzung erst 2003 für möglich. Der Kölner Gesundheitsökonom Karl Lauterbach, der an den Reformvorschlägen maßgeblich beteiligt war, unterstützte gestern die Pläne der Ministerin.

Lauterbach geht davon aus, dass viele Kassen 2002 auf Beitragserhöhungen verzichten, wenn sie mit zusätzlichen Einnahmen für chronisch Kranke aus dem Finanzausgleich rechnen können. Außerdem erwartet er mittelfristig eine deutliche Senkung der Gesamtausgaben der Krankenkassen durch eine bessere medizinische Versorgung chronisch Kranker. Maßnahmen zur Senkung der explodierenden Arzneiausgaben plant Schmidt aber derzeit nicht. Sie setzt weiter auf das Versprechen der Ärzte, die Ausgaben über mit den Kassen vereinbarte Richtgrößen zu senken. Die Grünen dagegen fordern, die alten Ausgabenobergrenzen wieder in Kraft zu setzen, sollten die Kosten weiter steigen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%