Export leidet unter Einbruch der US-Nachfrage
Japans Wirtschaftsprobleme werfen großen Schatten auf Asien

Seit Januar bekommen Asiens exportlastige Volkswirtschaften den Einbruch der US-Konjunktur brutal zu spüren. Japans kollabierende Wirtschaft und das Ermatten der Nachfrage nach Elektronik nehmen den Kontinent in die Zange. Jetzt rächen sich die nach der Finanzkrise 1997 verpassten Reformen.

HONGKONG. Japan schockt seine Nachbarn: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist im ersten Quartal im Jahresvergleich um 0,8 % geschrumpft. Viele Analysten erwarten, dass die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt zum vierten Mal in zehn Jahren in eine Rezession rutscht. "Zum ersten Mal seit rund dreißig Jahren fallen Konjunktureinbrüche in den USA, Europa und Japan zusammen", beschreibt Michael Spencer, Chefökonom der Deutschen Bank in Asien, den giftigen Mix, der sich in West und Ost zusammenbraut.

Asien ist davon am unmittelbarsten betroffen: Es leidet bereits heftig unter der Flaute in den USA, die der Region (ohne Japan) 22 % ihrer Exporte abnehmen. Und diese sind Spencer zufolge im ersten Quartal um 0,2 % zurückgegangen - nach 10,8 % Wachstum im Quartal zuvor und 20,4 % im dritten Quartal 2000. Dabei wird es kaum bleiben: "In den kommenden Monaten werden die Ausfuhren noch sehr viel stärker wegbrechen", glaubt Eddie Wong, Chefökonom bei ABN Amro in Hongkong. Er prognostiziert für dieses Jahr ein Schrumpfen der Exporte um 10 % für Taiwan, um 5 % für Südkorea und um 7,5 % für Malaysia. Länder wie Singapur oder Malaysia erwirtschaften ein Fünftel ihres BIP mit Ausfuhren in die USA. Zudem sind einige Exportnationen besonders von den IT-Ausfuhren nach den USA abhängig: 2000 importierten die USA IT-Güter im Wert von 130 Mrd. $ aus Asien. Diese könnten um über 10 % fallen, schätzt Morgan Stanley-Volkswirt Andy Xie. Am härtesten betroffen sind Korea, Malaysia, Singapur und Taiwan. Kein Wunder, dass Analysten derzeit ihre Wachstumsprognosen für den Kontinent im Eilschritt zurückschrauben.

Tokios Nullzinspolitik lässt keine Spielräume

Nun wirft Japan einen zusätzlichen Schatten über die Region: Von seiner seit zehn Jahren ohne nennenswertes Wachstum dahinvegetierenden Wirtschaft hatte niemand Konjunkturanstöße erwartet. Aber dass das BIP dort den Rückwärtsgang einlegt, schmerzt: Immerhin gehen 12 % von Asiens Ausfuhren nach Japan, dem drittwichtigsten Handelspartner nach der EU (16 %). Ihr Wachstum ist im ersten Quartal merklich zurückgegangen: auf 12 %, nach 17 % im Quartal zuvor und 33 % im dritten Quartal 2000, schätzt Spencer. Dennoch hält er die Auswirkungen von Japans Malaise auf die Region für geringer als die der amerikanischen: "In Japan wird sich das Wachstum nur von 1,7 % im Vorjahr auf 0,6 % verlangsamen. In den USA wird es in diesem Jahr von 5 % auf 1,5 % einbrechen."

Doch Salomon Smith Barneys Chefökonom Don Hanna erläutert einen wichtigen Unterschied: Die Auswirkungen der US-Konjunkturschwäche werden durch massive Zins- und Steuersenkungen gemildert. Japan fährt jedoch bereits eine Null-Zins-Politik und die Staatsverschuldung ist katastrophal. Fiskal- und geldpolitisch sind der Regierung die Hände gebunden. "Deshalb ist der Netto-Effekt des Konjunktureinbruchs für Asien etwa gleich", folgert er.

Seit Monaten mahnen die Regierungen der Region zwei Gegenstrategien an: Diversifizierung der Ausfuhren nach Europa und Stimulierung der Inlandsnachfrage. Beide greifen nicht: Das Exportwachstum in die Eurozone plus Großbritannien zog im ersten Quartal zwar auf 7 % an, nach 4 % im Vorquartal. Aber das reicht nicht aus, um die Verluste in den anderen Märkten wettzumachen, sagen Analysten unisono.

Auch die aggressive Fiskalpolitik, zu der die meisten Staaten der Region übergegangen sind, zeigt kaum Wirkung. Denn nun rächen sich die in den vergangenen drei Jahren verschlafenen Reformen: "Die angeschlagenen Finanzsysteme der meisten Länder sind außer Stande, Konjunkturprogrammen die nötige Flankierung zu gewähren", urteilt Spencer. Außerdem seien die Konsum- und Investitionszyklen der Region eng mit dem Exportzyklus synchronisiert. "Solange der die Wende nicht schafft, gewährt in Asien niemand Kredite", meint Spencer. Er rechnet damit, dass Inlandsnachfrage und Investitionen in Fernost weiter zurückgehen. Ausnahmen sind die relativ geschlossenen Volkswirtschaften Indien und China, das mit geschätzten 7,7 % BIP-Wachstum für alle Analysten der Lichtblick der Region bleibt.

Südkorea und China sind die Lichtblicke

Für Spencer steht auch Südkorea gut da. "Das Land hat sein Finanzsystem am stärksten reformiert, die Banken können deshalb derzeit die Kredite rapide ausweiten", sagt er. Japan hingegen hat nicht nur die Reform des Bankenwesens verschlafen. Manche Experten sehen das Land am Rande einer Schuldenkrise, die nicht nur Asien, sondern die ganze Welt erschüttern könnte. Die Meinungen über die Wahrscheinlichkeit einer Implosion gehen unter Volkswirten stark auseinander. Doch Kenneth Curtis, Vizepräsident von Goldman Sachs in Asien, hält Japan für das größte Risiko der Weltwirtschaft: "Seit den 30er Jahren stand kein großes Land mehr vor solchen Problemen", erklärte er kürzlich beim Jahrestreffen des "Institute of International Finance" in Hongkong. Offiziell beläuft sich die Schuldenlast des japanischen Staats auf 150 % des BIP. Einschließlich der Privatwirtschaft hält Curtis eine Gesamtverschuldung des Landes von 480 % des BIP für "eine konservative Schätzung". Einziger Ausweg: "Die Regierung muss die Privatisierungen stark vorantreiben." Und selbst dann hält Curtis ein Aufblähen der Geldmenge für unumgänglich.

Das würde die Währung des Landes weiter schwächen. Und was das bedeutet, hat Asien bereits 1997 zu spüren bekommen: Auslöser der Asienkrise war ein dramatischer Verfall des Yen. Dies untergrub die Wettbewerbsfähigkeit der Nachbarstaaten bei Exporten und brachte einen verheerenden Abwertungswettlauf in Gang. "Wir erwarten, dass der Yen über das Jahr stetig fällt, bis auf 140 zum Dollar", erklärt Spencer, "das wird vor allem den Won und den Taiwan-Dollar stark unter Druck setzen." Dennoch erwartet er keine neue Asienkrise. Dazu müsse der Yen deutlich stärker fallen. Dann würden selbst Japans schwächste Unternehmen konkurrenzfähig, und das hätte negative Auswirkungen, auch auf Europa und die USA.

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%