Exporte heizen im Reich der Mitte die Konjunktur an
China ist der Wachstumsmotor Asiens

Die Wirtschaft der Volksrepublik läuft auf Hochtouren, der Export boomt. Der Erfolg strahlt positiv auf die gesamte Region Asiens aus: Die Nachbarstaaten exportieren eifrig Vor- und Zwischenprodukte nach China.

HONGKONG. Im südchinesischen Hafen Yantian machen die Dockarbeiter derzeit Überstunden, und die Kräne, die Container auf die wartenden Ozeanriesen hieven, drehen sich schneller als früher. Das sind Zeichen eines Exportbooms, der Chinas Wirtschaft im ersten Halbjahr ein Wachstum von 7,8 % gebracht hat. Damit stehen die Aussichten gut, dass die Volksrepublik ihr offizielles Wachstumsziel von 7 % für das Jahr einhält oder gar übertrifft.

Ein Wirtschaftswachstum in dieser Größenordnung gilt als nötig, um die Millionen von Arbeitern zu absorbieren, die durch die Restrukturierung der Staatskonzerne ihren Job verlieren. Offiziell sind in dem Land derzeit weniger als 4 % der Menschen arbeitslos. Auch wenn die wirkliche Zahl deutlich höher liegen dürfte, hilft der Boom dem Arbeitsmarkt: "Ich bin sicher, dass sich die Arbeitslosigkeit derzeit verringert," sagt Deutsche-Bank-Volkswirt Jun Ma. Im letzten Quartal 2001 war Chinas Wachstum auf bedenkliche 6,8 % abgefallen; im ersten Vierteljahr 2002 expandierte es dann aber um 7,6 %, im zweiten sogar um 8 %.

Neben staatlichen Konjunkturprogrammen gewinnen zwei Wachstumsmotoren an Wichtigkeit: Die Exporte zogen im ersten Halbjahr gegenüber den ersten sechs Monaten des Jahres 2001 um 14 % auf 142 Mrd. US-Dollar ($) an, die ausländischen Direktinvestitionen stiegen im gleichen Zeitraum um fast 19 % auf 24,6 Mrd. $. Beide Motoren sind miteinander verbunden, weil Auslandsinvestitionen meist in die Exportindustrien fließen, derzeit besonders in den Bereich Informationstechnologie (IT). Zum Beispiel werden in China heute doppelt so viele PCs hergestellt wie vor einem Jahr. Eine zusätzliche Konjunkturstütze ist der private Verbrauch. Er stieg im ersten Halbjahr um 8,6 %.

Der gesunde Wachstumsmix dürfe es der Regierung erleichtern, die massiven Konjunkturprogramme zurückzufahren, mit denen sie die Wirtschaft seit Jahren stützt. Ihnen ist der Zuwachs der Anlageinvestitionen um 21,5 % in der ersten Jahreshälfte zuzuschreiben. Doch die Finanzspritzen fangen an, das Budget zu belasten. Einige Analysten befürchten, Peking könne dieses Jahr das Defizit-Ziel von 3 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP) verfehlen. Ein Schwachpunkt bleibt auch die andauernde Deflation, die bei 0,8 % liegt. "Der Deflationstrend nimmt aber ab und dürfte zum Jahresende überwunden sein," glaubt Ma. Für ihn sehen so gut wie alle Konjunkturfaktoren solide aus.

Dollar-Schwäche erhöht preisliche Wettbewerbsfähigkeit

Sollte die US-Wirtschaft allerdings zu schwächeln beginnen, könne der Ausfuhrzuwachs abflachen. Zum Großteil beruht die Wettbewerbsfähigkeit des Landes jedoch auf Kostenvorteilen - und die vergrößert der schwache US-Dollar, an den Chinas Währung gekoppelt ist. "Selbst wenn der Welthandel schwach bleibt, kann China seinen Anteil an globalen Märkten erhöhen," glaubt Ma.

Seit dem Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation (WTO) geht bei den exportabhängigen Nachbarn die Angst um, von einer boomenden Volksrepublik an die Wand gedrückt zu werden. Diese Furcht ist unberechtigt. Vielmehr profitieren die Nachbarn von Chinas Hunger nach Vor- und Zwischenprodukten. Die Importe der Volksrepublik sind in den ersten sechs Monaten um 10,3 % auf 128,5 Mrd. $ gewachsen. Der Löwenanteil - fast ein Drittel - entfällt auf Chinas Nachbarn. Hauptprofiteur ist Taiwan: Die Ausfuhren in die Volksrepublik explodierten seit Jahresanfang um 34 %, allen voran Komponenten für die IT-Industrie. China spielt in der weltweiten IT-Lieferkette zunehmend den Part der Werkstatt, meint Yiping Huang, Analyst bei Salomon Smith Barney.

Derzeit fließen 14 % aller asiatischen Exporte nach China. Asiens Ausfuhren in die Volksrepublik können in den kommenden vier Jahren um 55 bis 85 % wachsen, glaubt Investmentbank-Analyst Yiping. Bis 2005 werde China Waren im Wert von 375 bis 450 Mrd. $ einführen - das ist fast doppelt so viel wie heute. Die größten Zuwächse sieht er bei Autos, Petrochemie, Lebensmitteln und IT-Gütern.

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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