EZB-Chefvolkswirt lobt die Vorzüge der geldpolitischen Strategie der Euro-Bank
Issing schließt Deflation im Euro-Raum aus

Der Begriff der Deflation werde missbraucht, um alle möglichen negativen künftigen Entwicklungen zu beschreiben.

mak FRANKFURT/M. Der Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB), Otmar Issing, geht in die Offensive. Er stellt sich all jenen Kritikern, die das Schreckgespenst der Deflation an die Wand malen und befürchten, dass die europäische Geldpolitik die damit verbundenen Gefahren ignorieren könnte.

"Wenn mit Deflation ein anhaltender, absoluter Rückgang des Preisniveaus gemeint ist, dann ist das für den Euro-Raum ein rein hypothetischer Fall und auch nichts, was sich nach unserer derzeitigen Erkenntnis für die absehbare Zukunft abzeichnet", sagte Issing in London. "Die Erwartung niedrigerer Inflationsraten: ja, Deflationsrisiken, die um die Ecke lauern: nein."

Die Inflations- und Wachstumsprognosen wichtiger internationaler Organisationen und Marktteilnehmer deuteten schwerlich auf deflationären Druck hin, begründete Issing. Der Internationale Währungsfonds (IWF) erwarte für 2003 einen Anstieg der Verbraucherpreise um 1,6 %, Consensus Economics von 1,9 % und die EU-Kommission von 2,0 %. Die Prognosen anderer Institutionen wichen wahrscheinlich davon nicht viel ab. Für 2004 werde eine nur leicht niedrigere Teuerungsrate vorhergesagt. Beim Wachstum gingen der IWF für 2003 von 2,3 %, die Kommission von 1,8 % und Consensus Economics von 1,9 % aus. Für 2004 lägen die meisten Projektionen leicht über dem Potenzialwachstum. Das beträgt 2,0 % bis 2,5 %.

Auch die monetäre Entwicklung zeige keine deflationären Tendenzen an, erklärte Issing. Seit dem dritten Quartal 2003 lägen die Jahreswachstumsraten der Geldmenge M3 über dem Referenzwert der EZB von 4,5 %, seit dem dritten Quartal 2001 sogar über 7 %. Die nominale Geldlücke - der prozentuale Abstand zwischen der kumulierten, tatsächlichen Entwicklung von M3 und der Liquidität, die sich aufgebaut hätte, wenn M3 nur mit 4,5 % gewachsen wäre - betrage 6 % und die reale Geldlücke 3 %.

Vor dem Hintergrund der Definition der EZB von Preisstabilität - Verbraucherpreisanstieg von unter 2 % - sei die EZB mit den aktuellen Inflationsraten noch nicht zufrieden, sagte Issing. Nach vorläufigen Ergebnissen von Eurostat liegt die Inflationsrate im November bei 2,2 % nach 2,3 % im Oktober. In der vergangenen Woche war eine ähnliche Aussage von Issing so interpretiert worden, dass er im Vorfeld der Sitzung des EZB-Rates am 5. Dezember Hoffnungen auf einen großen Zinsschritt um 50 Basispunkte dämpfen wollte. Issing dürfte allerdings kaum die nächste Ratssitzung im Auge gehabt haben. Er spricht von der Orientierung der europäischen Geldpolitik, mittelfristig Preisstabilität zu gewährleisten. "Und wenn wir im Sinne unserer Definition Preisstabilität erreicht haben, werden wir das als einen Erfolg ansehen, nicht als ein Problem", sagte er. Preisstabilität erreicht habe Deutschland. Deutschland ist das Land, das Kritiker am nächsten am Rand einer Deflation sehen.

Issing warnt davor, die Veränderung der relativen Preise mit einer Veränderung des Preisniveaus gleichzusetzen: "Aber selbst wenn irgendwann in der Zukunft in einem der Länder der Währungsunion die Preise sinken sollten, hätte das völlig andere Folgen, als wenn sich das gesamte Gebiet in einer Deflation befindet." Das viel zitierte Problem, dass die Zinsen nicht weiter gesenkt werden könnten, trete nicht auf, weil die Inflationsrate im Euro-Raum insgesamt positiv bleibe.

Issing stimmt mit der Analyse der großen Depression (1929 bis 1933) durch den US-Ökonomen Irving Fisher überein: dass der Hauptgrund für ein Abgleiten in eine Deflation eine Überschuldung des privaten Sektors ist. Für eine Überschuldung gebe es im Euro-Raum keine Anhaltspunkte.

Sollte die Geldpolitik versuchen, eine Überschuldung zu vermeiden, die historisch oft mit Spekulationsblasen am Aktien- und am Immobilienmarkt einherging? "In meinen Augen sind Vermögenspreise kein geeignetes Ziel für die Geldpolitik", meint Issing. In der geldpolitischen Strategie der EZB werde die Entwicklung der Vermögenspreise aber angemessen berücksichtigt. Besonders der ersten Säule komme dabei eine wichtige Funktion zu. Unter der ersten Säule analysiert die EZB die Entwicklung der Geldmenge und der Kredite auf Stabilitätsrisiken hin.

In der Vergangenheit seien fast alle Spekulationsblasen von einem starken Wachstum der Geldmenge und der Kredite begleitet gewesen, obwohl einige bei relativer Preisstabilität aufgetreten seien. "Wir sind uns also bewusst, dass Preisstabilität eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für finanzielle Stabilität ist", sagte Issing. Er lehnt deshalb ein Inflationsziel mit einem Zeithorizont von ein oder zwei Jahren ab. Der Aufbau einer Spekulationsblase und die deflationären Effekte nach ihrem Platzen würden dadurch nicht eingefangen.

Quelle: Handelsblatt

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