EZB hat klare Signale für Zinssenkung gegeben
"Noch nie war eine Zinssenkung so sicher"

Nach vielen deutlichen Signalen aus dem Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) gehen die Finanzmärkte fest von einer Zinssenkung in der Euro-Zone am Donnerstag aus. Die Frage ist nur noch, ob die EZB mit einer kräftigen Lockerung um 50 Basispunkte der matten Wirtschaft einen Vertrauensschub geben oder es bei einem vorsichtigen Schritt von 25 Basispunkten bewenden lassen wird.

Reuters FRANKFURT. Der Bundesverband deutscher Banken plädierte am Mittwoch ebenso wie der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Klaus Zimmermann, für eine kräftige geldpolitische Lockerung um einen halben Prozentpunkt. Die Zinsentscheidung wird am Donnerstag um 13.45 Uhr MEZ bekannt gegeben und ab 14.30 Uhr MEZ von EZB-Präsident Wim Duisenberg vor der Presse in Frankfurt erläutert.

An den Finanzmärkten wird schon seit Monaten mit einer Lockerung des Schlüsselzinses gerechnet, der seit November 2001 bei 3,25 Prozent liegt. "So sicher war eine Zinssenkung nie", sagte ein Geldhändler. Auch Volkswirte halten niedrigere Zinsen schon längst für möglich oder sogar für dringend nötig, um der schwachen Konjunktur und den rückläufigen Inflationsgefahren Rechnung zu tragen. Der Aufschwung ist in diesem Jahr ausgefallen und wird nach Prognosen auch 2003 angesichts der Rückschlagsrisiken, die etwa von einem möglichen Irak-Krieg ausgehen können, nur allmählich in Gang kommen.

So schließt die EU-Kommission nicht aus, dass die Wirtschaft im ersten Quartal erstmals wieder seit dem Schlussquartal 2001 leicht schrumpfen könnte. Gleichzeitig hat sich der Preisauftrieb beruhigt, so dass die Inflation 2003 nach Prognosen vieler Analysten unter die Marke von zwei Prozent sinken wird, bis zu der laut EZB Preisstabilität herrscht.

Schon auf der November-Sitzung hatte der EZB-Rat "intensiv" über eine Zinssenkung diskutiert, sich aber noch nicht dazu durchringen können. Seither haben mehrere Ratsmitglieder erklärt, die Inflation werde sich nach drei Jahren mit Raten knapp über zwei Prozent 2003 beruhigen. Das gab zuletzt EZB-Chef Duisenberg zu erkennen: "Seit unserer letzten Ratssitzung haben sich die Anzeichen verstärkt, dass sich der Inflationsdruck abgeschwächt hat und die Abwärtsrisiken für die Konjunktur gleichzeitig nicht verschwunden sind." Zuvor hatte vor allem Bundesbankpräsident Ernst Welteke mehrfach den günstigeren Ausblick für stabile Preise betont und auf die Konjunkturflaute hingewiesen. Diese könne man mit einer Zinssenkung nicht wesentlich beeinflussen. "Worauf es im Augenblick ankommt, ist ein psychologisches Signal", sagte Welteke, Repräsentant des Landes mit dem schwächsten Wachstum und der niedrigsten Inflation in der Euro-Zone.

Analysten: 50 Basispunkte wären die bessere Wahl

Viele Analysten rechnen mit einer deutlichen Reduktion der Zinsen um einen halben Prozentpunkt. Das würde zumindest die schlechte Stimmung in der Wirtschaft etwas aufhellen und den Krisen geschüttelten Banken die Refinanzierung verbilligen. So wünschen sich die im Bundesbankenverband zusammengeschlossenen Institute eine Rücknahme des Schlüsselzinses von 3,25 auf 2,75 Prozent. Damit könne die EZB anders als bei einem kleinen Zinsschritt allen Spekulationen über weitere Zinssenkungen den Boden entziehen. Wenn die Notenbank nur einen Trippelschritt von 25 Basispunkten geht, erwartet Lothar Heßler von HSBC Trinkaus & Burkhardt sogar drei weitere Zinssenkungen um insgesamt 75 Basispunkte 2003. Mit ihrem "frühen Weihnachtsgeschenk" läute die Notenbank einen Zinssenkungszyklus ein. Auch DIW-Präsident Zimmermann geht davon aus, dass die EZB insgesamt einen Zinssenkungsspielraum von bis zu einem Prozentpunkt hat.

Michael Schubert, Volkswirt von der Commerzbank, traut der EZB eine Zinssenkung um 50 Basispunkte zu, weil die Notenbank damit Vertrauen in die Auftriebskräfte der Wirtschaft schaffen könnte. Denn mehr Vertrauen ist genau das, was die Wirtschaft angesichts pessimistischer Verbraucher sowie verunsicherter Unternehmen und Anlegern braucht. "Das wäre gut für die Stimmung, die durch den Einbruch der Aktienmärkte schwer angeschlagen ist", sagte Julian von Landesberger, Analyst von der HVB Group. Allzu starke konjunkturelle Impulse für die Realwirtschaft könne man sich davon aber nicht erhoffen, glaubt er wie viele andere Volkswirte. Auch der Wirtschaftsweise Horst Siebert dämpfte kürzlich zu hohe Erwartungen an die Geldpolitik als Hebel für einen Aufschwung. Er sieht vielmehr die Wirtschaftspolitik mit energischen Reformen in der Pflicht.

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