"EZB hinkt der Konjunktur hinterher"
Volkswirte kritisieren EZB-Verhalten

Die Entscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB), die Leitzinsen am Donnerstag unverändert zu lassen, ist von Devisenexperten der Banken gelassen, aber nicht kritiklos aufgenommen worden.

dpa-afx FRANKFURT. Einerseits wurde Lob für die "Politik der ruhigen Hand" geäußert, andererseits warfen Fachleute der EZB vor, zu verhalten und zu spät auf die schwachen Konjunktursignale der jüngsten Zeit zu reagieren.

Stefan Klomfass von Helaba Trust Investment und Andreas Möller von der WGZ-Bank hatten beide eine vorsichtige Zinssenkung um 0,25 %punkte erwartet. "Diese Entscheidung wird den Euro natürlich belasten", sagte Klomfass.

"Die EZB hinkt der Konjunktur hinterher", kritisierte Klomfass. Es sei nicht auszuschließen, dass die allgemein erwarteten Zinssenkungen ausgerechnet dann kämen, wenn sich bereits die ersten Signale für einen konjunkturellen Aufschwung ankündigten. Zinssenkungen könnten dann prozyklisch wirken.

Klomfass verwies auf den unterschiedlichen Auftrag der EZB im Vergleich zur US-Notenbank hin. Während die Fed gleichberechtigt für Preisstabilität und Konjunkturstabilisierung zu sorgen habe, sei es die vorrangige Aufgabe der europäischen Zentralbanker, die Inflation zu bekämpfen. Erst wenn dies gesichert sei, komme als weitere Aufgabe die Ankurbelung des Wirtschaftswachstums hinzu.

Devisenmarkt hat Zinssenkung eingepreist

WGZ-Experte Möller sagte, der Devisenmarkt habe bereits Zinssenkungen der EZB um 50 Basispunkte eingepreist. "Das würden die jüngsten Konjunkturdaten und Stimmungsindikatoren auch erlauben". Möller nannte das Absacken des ifo-Geschäftsklimaindex und den tiefen Einbruch des Geschäftsvertrauens in der italienischen Unternehmerschaft, die beide in der vergangenen Woche bekannt wurden.

"Es wäre ratsam, die Zinsen möglichst frühzeitig zu senken, weil dies schon kurzfristig vertrauensbildend wirkt", sagte Möller. Diese vertrauensbildende Ma ßnahme würde auch wesentlich schneller auf die Märkte wirken als ein gesunkener Zinssatz auf die reale Wirtschaft. Das Argument der EZB, hektische Zinsänderungen könnten das Vertrauen in die Euro-Währung erschüttern, wies der Volkswirt zurück: "Der Vertrauensschwund ist ja wegen der konjunkturellen Lage schon da, nicht wegen der EZB-Politik".

Warten auf gesicherte Fakten

Den Vertrauensaspekt sieht auch Ulrich Beckmann von der Deutschen Bank am Wirken, weshalb er eine Zinssenkung um 25 Basispunkte bevorzugt hätte. "Die Frage, wann diese Zinssenkungen kommen, ob 14 Tage früher oder später, davon hängt aber nicht das Wohl und Wehe der EZB ab", fügte Beckmann jedoch hinzu.

Er habe Verständnis dafür, das die Zentralbanker zunächst gesicherte Fakten abwarten wollten. Die von vielen Beobachtern zitierten Einbrüche bei europäischen Stimmungsbaromtern seien nicht "hart" genug für die EZB.

Wer zum Vergleich auf die agile Zinspolitik der US-Notenbank verweise, müsse sich fragen, ob die Fed mit ihren zahlreichen Zinsschritten erfolgreicher sei als die EZB. Im vergangenen Jahr seien die Zinssätze in den USA zu heftig angehoben worden, während sie in diesem Jahr zu stark gesenkt worden sein könnten. "Die Politik der ruhigen Hand zahlt sich aus", zeigte sich Beckmann überzeugt.

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