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EZB kündigt Leitzinssenkung an

An den Finanzmärkten hat sich eine ungewöhnliche Situation ergeben: Die Europäische Zentralbank bereitet die Märkte auf eine Senkung der Euro-Leitzinsen vor. Doch die Mehrheit der Marktteilnehmer geht davon aus, dass ihr Ruf nach einem solchen Schritt bei der in dieser Woche anstehenden EZB-Ratssitzung noch ungehört verhallen wird. Noch gebe es innerhalb der Zentralbank keine Mehrheit für eine Zinssenkung, hieß es.

FRANKFURT/M. Allerdings sind eindeutige Zeichen dafür zu erkennen, dass die Front jener Geldpolitiker, die auf eine harte Linie setzen, immer stärker bröckelt. Nachdem EZB-Chefökonom Otmar Issing inzwischen deutlich eingetrübte europäische Konjunkturperspektiven sieht und sich auch Frankreichs Zentralbankchef Jean-Claude Trichet nicht mehr länger über die Inflationsperspektiven besorgt zeigt, rückt der Zeitpunkt einer Zinssenkung im Euro-Land näher. Die meisten Marktteilnehmer rechnen auch wegen jüngster Äußerungen von EZB-Chef Wim Duisenberg und EU-Währungskommissar Pedro Solbes über die robuste Europa- Konjunktur, nach wie vor gesehene Inflationrisiken und die Notwendigkeit zur Beibehaltung einer "Politik der ruhigen Hand" nicht damit, dass es bereits in dieser Woche zu einem solchen Schritt kommen wird.

Auch der auf dem EU-Gipfel in Stockholm von den Regierungschefs geäußerte Konjunktur-Optimismus dämpft die Phantasie. Bundestagspräsident Ernst Welteke warnte davor, die Wachstumsabschwächung im Euroraum überzubewerten und "hektischen Entscheidungen" zu treffen. Die Zentralbank benötige weitere Daten für eine Zinssenkungs-Entscheidung. Zwar wirke sich die Abschwächung der US-Konjunktur auch auf die Euro-Zone aus, doch sollte dies nicht überinterpretiert werden. "Derzeit haben wir eine Entlastung beim Preisdruck, aber es ist nicht der Zeitpunkt, über Veränderungen zu spekulieren", sagte er im Hinblick auf den Einfluss der Teuerung auf die Zinspolitik.

Österreichs Nationalbank-Chef Klaus Liebscher erklärte, eine gute Politik sei es, vorausschauend zu agieren. Gerade aber diese perspektivische Geldpolitik wird der EZB von einigen Marktteilnehmern abgesprochen. Diese beklagten vielmehr die fehlende Marktnähe der EZB. Möglicherweise beachte die US-Notenbank Signale (und damit verbunden auch die Wünsche) der als Frühindikator künftiger realwirtschaftlicher Entwicklungen geltenden Finanzmärkte zu stark und reagiere daher oftmals zu früh. Die Europäische Zentralbank richte ihre Geldpolitik indes zu stark an aktuellen Konjunkturdaten aus, die dann oftmals nur die ökonomische Vergangenheit reflektierten, so die Kritik.

Gefahr für die noch robuste Konjunktur in Europa

Vor dem Hintergrund der Erkenntnis, dass Europa ökonomisch keine Insel ist, wird offensichtlich auch innerhalb der EZB immer stärker die Gefahr gesehen, dass die konjunkturellen Ungleichgewichte in der ökonomischen Triade Nordamerika-Japan-Europa geringer werden. Ökonomen schließen längst nicht mehr aus, dass sowohl der Rezessions-Bazillus in den USA als auch die Deflation in Japan eine Ansteckungsgefahr für die derzeit noch robuste Konjunktur in Europa bedeuten.

Analysten von Banken verwiesen im Hinblick auf die zuletzt vorgelegten deutschen Verbraucherpreise nicht nur auf ein Nachlassen der Teuerung. Darüber hinaus sei auch zu konstatieren, dass der 0,1%ige Preisanstieg im Monat März (nach + 0,6 % im Monat Februar) um negative Einmal-Effekte bereinigt werden müsse. Nach vorläufigen Angaben des Statistischen Bundesamtes ist die Teuerung im März von 2,6 % auf 2,5 % gefallen. Rechnet man den Effekt steigender Nahrungsmittelpreise aufgrund der Tierseuchen BSE und MKS heraus, so dürfte die Teuerung nach einer Analyse der Deutsche Bank lediglich bei 2,25 % gelegen haben. Nach Prognosen von Welteke wird die Kerninflation vermutlich ölpreisbedingt zunächst noch etwas ansteigen, am Jahresende jedoch unter 2 % liegen. Im Februar hatte die Teuerungsrate ohne Energie und Nahrungsmittel bei 1,8 %.

Zuletzt in den Schlagzeilen stehende Ereignisse wie z.B. die besorgniserregende Energiekrise in Kalifornien und die dramatische Formen annehmenden Tierseuchen in Europa haben mittelfristig zweifellos ebenso konjunkturdämpfende und inflationshemmende Wirkung wie die geplatzte Blase im TMT-Bereich. Nicht zuletzt aus diesem Grunde würde es einige Akteure an den Finanzmärkten nicht überraschen, wenn sich die EZB bereits in dieser Woche zu einem Zinsschritt entschließen würde. Es sei zwar richtig, dass Europas Volkswirtschaft noch immer leicht über ihrem Potential wachse, doch müsse man sich die Frage stellen, wie lange noch.

Dass die Anleihezinsen am Freitag stiegen, hatte weniger mit der in dieser Woche anstehenden EZB-Sitzung, als vielmehr mit einem Umlenken der Kapitalströme zu tun. Bonds hatten in den vergangenen Wochen sehr stark von der "Flucht in Qualität" profitiert, als verunsicherte Aktien-Anleger Liquidität in festverzinsliche Wertpapiere umgeschichtet hatten. Am Freitag führte die Stabilisierung der Aktienkurse zu einer Umkehr der Kapitalströme in Aktien. Der Dow-Jones-Index hatte in New York 1,2 %, der Dow-Jones-Euro-Stoxx50 in Europa 2,9 % und der Nikkei-Index in Tokio 2,8 % zugelegt.

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