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EZB-Präsident Trichet ist ein Jahr im Amt

Vor seinem Amtsantritt vor einem Jahr wurde Jean-Claude Trichet mit Vorschusslorbeeren überhäuft.

dpa-afx FRANKFURT. Vor seinem Amtsantritt vor einem Jahr wurde Jean-Claude Trichet mit Vorschusslorbeeren überhäuft. Der neue Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) wurde als Kommunikationsgenie, glänzender Diplomat und harter Geldpolitiker gelobt - die Erwartungen an den Nachfolger von Wim Duisenberg waren hoch. Nach zwölf Monaten ziehen EZB-Beobachter eine positive Bilanz der Amtszeit des zweiten Notenbank-Präsidenten - mit einer Einschränkung: seine Bewährungsprobe stehe noch aus.

Allseits gelobt wird der 61-jährige oberste Euro-Hüter für seine Kommunikation und seinen Stil. Mit ungeheurer Energie und innerer Begeisterung wirbt Trichet für den Euro. Mit 43 öffentlichen Reden in einem Jahr übertraf der charmante Franzose, der Damen schon einmal mit Handkuss begrüßt, seinen Vorgänger um das Dreifache. Die monatliche Zinsentscheidung begründet Trichet ausführlicher und geht selbst auf nebensächliche Fragen ein.

Nicht Sehr Informativ

"Seine Erläuterungen sind zwar wortreich, aber nicht sehr informativ", kritisiert Analyst Michael Schubert von der Commerzbank. Im Gegensatz zu Duisenberg hält Trichet sich strikt an die Presseerklärung und fügt praktisch keine Erklärungen hinzu. Die Kommunikation des EZB-Rates nach außen hat der "Kapitän des Rugby- Teams", wie Trichet sich selbst bezeichnet, aber auf eine Linie eingeschworen. "Der Rat spricht stärker mit einer Stimme als früher", sagt Gregor Beckmann von der Bank Hsbc Trinkaus & Burkhardt.

Das Profil Trichets als Geldpolitiker ist bislang unscharf geblieben. "Trichet hat bisher eine solide Leistung gezeigt, allerdings gab es auch nicht viel falsch zu machen", sagt der Chefvolkswirt der Deka-Bank, Ulrich Kater. "Die Bewährungsprobe steht erst noch aus, wenn der EZB-Rat unter Vorsitz Trichets die Märkte auf eine Zinsänderung einstellen muss." Erst mit Taten gewinnt ein Geldpolitiker echte Glaubwürdigkeit - dazu hatte Trichet bislang keine Gelegenheit. Trotz Euro-Stärke, Ölpreishoch und hoher Inflation ließ der EZB-Rat unter Trichet den wichtigsten Leitzins unverändert bei 2,0 Prozent.

Politik DER Ruhigen Hand

Über diesen Kurs scheiden sich die Geister der Volkswirte. "Die EZB hat zu lange gezögert und den richtigen Zeitpunkt zur Zinserhöhung verpasst", findet der Europa-Chefvolkswirt von Morgan Stanley, Joachim Fels. "Die EZB war sehr gut beraten, die Politik der ruhigen Hand zu verfolgen", sagt dagegen der Chefvolkswirt der Dresdner Bank, Prof. Michael Heise. Erst in Zukunft wird ein Urteil möglich sein.

Während Duisenberg häufig auf Konfrontationskurs zur Politik ging, setzt der ehemalige französische Notenbankpräsident auf Überzeugungsarbeit hinter den Kulissen und ist ein Mann der leisen Töne. Als jüngst die Frage aufkam, ob der neue Chef der Euro-Gruppe der Finanzminister, Jean-Claude Juncker, oder Trichet "Mister Euro" sei, sagte der EZB-Präsident bescheiden: "Mister Euro bin augenscheinlich ich."

Unbequeme Wahrheiten

Der Absolvent französischer Eliteschulen sagt aber auch unbequeme Wahrheiten. So warnte Trichet eindringlich vor einer Verletzung des Europäischen Stabilitätspaktes und trat für die Verankerung der Preisstabilität als EU-Verfassungsziel ein. "Manchmal wären noch deutlichere Worte angebracht gewesen", kritisiert Volkswirt Heise. Trichets nachdrückliche verbale Intervention gegen den Euro-Höhenflug zur Jahresbeginn wird von allen als ein großer Erfolg gewertet.

Sieben Jahre Amtszeit bleiben dem Notenbank-Präsidenten noch. Dabei wäre Trichet gut beraten, seine Bekanntheit zu steigern, denn viele Europäer kennen ihn noch nicht. Der Beweis: Vor einigen Wochen gab es in Berlin Falschgeldalarm. Einige Bürger hielten Euro-Scheine mit der Unterschrift Trichets (statt Duisenbergs) für Fälschungen.

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