EZB-Schattenrat betont schwache Konjunkturlage
Experten fordern kräftige Zinssenkung

Nach Meinung der Experten gibt die europäische Wirtschaft auch nach dem Ende des Irak-Krieges ein sehr schwaches Bild ab. Zudem drücke der starke Euro und die schwache Nachfrage die Inflation in nächster Zeit kräftig nach unten. Der EZB-Schattenrat fordert daher eine schnelle und kräftige Lockerung der Geldpolitik.

HB FRANKFURT. Der EZB-Schattenrat hält wegen der schlechten Konjunkturlage mehrheitlich eine kräftige Leitzinssenkung durch die Europäische Zentralbank (EZB) für notwendig. Mit neun von sechzehn abgegebenen Stimmen beschloss das Gremium eine entsprechende Empfehlung.

Der EZB-Schattenrat ist eine Gruppe von 18 renommierten europäischen Experten für Geldpolitik aus Finanzinstituten, Hochschulen und Forschungsinstituten.

An den Finanzmärkten wird überwiegend nur mit einer kleinen Leitzinssenkung durch die EZB erst im Juli gerechnet.

Zehn der sechzehn an der Abstimmung teilnehmenden Schattenratsmitglieder votierten für eine Zinssenkung. Von den neun Mitgliedern die letztlich für eine Zinssenkung um einen halben Punkt auf 2,05 stimmten, hätten David Walton und Sushil Wadhwani eine kleine Zinssenkung vorgezogen. Sie stimmten jedoch mit der Mehrheit, da ein kleiner Zinsschritt nicht konsensfähig war. Michael Heise, der die gleiche erste Präferenz hatte, schloss sich dagegen in der Schlussabstimmung der Minderheitsfraktion an, die für Abwarten plädierte.

Charles Wyplosz, der das Eingangsplädoyer für die Gegner einer schnellen Zinssenkung abgab, vertrat die Einschätzung, dass kurz nach Kriegsende die Unsicherheit noch zu groß sei und plädierte für Abwarten. Diese Sicht fand einige Unterstützung, blieb aber letztlich in der Minderheit. "Das einzige was wir bisher aus der Nachkriegszeit haben sind Stimmungsindikatoren - und die sind notorisch unzuverlässig", sagte Martin Hüfner. Er rechnet zwar durchaus damit, dass eine kräftige Zinssenkung noch nötig sein werde, plädiert aber dafür, noch etwas abzuwarten.

David Walton, der die Lanze für einen kleinen Zinsschritt brach, stimmte dem Befund hoher Unsicherheit zu. Er sieht darin aber nur eine Rechtfertigung, sich zunächst mit einem kleinen Zinsschritt zu begnügen, obwohl aller Wahrscheinlichkeit nach eine noch stärkere Lockerung der Geldpolitik nötig sein werde.

Für die Mehrheit gaben die Argumente den Ausschlag, die John Llewellyn in seinem Plädoyer für eine kräftige Zinssenkung zusammenfasste. Die Konjunktur ist seit geraumer Zeit sehr schwach, ein kräftiger Aufschwung sei nicht absehbar und die ohnehin moderate Inflationsrate werde sich aller Voraussicht nach weiter zurückbilden.

"Der Nebel des Krieges hat sich gelichtet. Was wir sehen ist eine sehr schwache Wirtschaft", sagte Angel Ubide. Der starke Euro und die möglichen Auswirkungen der Lungenkrankheit SARS stellten erhebliche Risiken für die Konjunktur und damit Abwärtsrisiken für die Inflationsprognosen dar. Drei Mitglieder sprachen sich dezidiert gegen eine kleine Zinssenkung aus. "Es fehlt an Vertrauen, und Vertrauen schafft ein Zentralbank nur durch entschlossenes Handeln", sagte Angel Ubide.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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