EZB schließt sich überraschend dem Zinsschritt der US-Fed an
Notenbanken stützen Wall Street

Sechs Tage nach den Anschlägen in den USA sind die US-Börsen wieder geöffnet. Die wichtigsten Zentralbanken der Welt versuchten, die Märkte durch Zinssenkungen zu stützen. Zwar gaben die Kurse kräftig nach, eine Panik blieb aber aus.

HB NEW YORK/DÜSSELDORF. Die Aktienmärkte in den USA haben am Montag mit kräftigen Kursverlusten auf die Terroranschläge der vergangenen Woche reagiert. Der von vielen Marktteilnehmern befürchtete Ausverkauf blieb jedoch aus. Dow-Jones- Index und Nasdaq lagen vier Stunden nach Handelsbeginn jeweils rund 6 % unter den Werten vor den Attentaten. Die wichtigsten Notenbanken der Welt stützten am Montag mit Zinssenkungen die Märkte. Die US-Notenbank war vor Beginn des Handels in den USA mit einer Zinssenkung vorgeprescht. Ihr folgten wenige Stunden später die Europäische Zentralbank (EZB) und die Schweizerische Nationalbank (SNB).

Kurseinbrüche gab es an der Wall Street besonders bei Versicherungs- und Transportwerten. Vor allem die großen amerikanischen Fluggesellschaften American und United Airlines verloren an Boden. Zugewinne gab es dagegen bei einigen Rüstungs-, Pharma- und Telekommunikationswerten. Es war der erste Handelstag für die Aktienmärkte der New York Stock Exchange (NYSE) und der Nasdaq nach den Terroranschlägen. Beide Börsen hatten ihren Handel für vier Tage eingestellt - die längste Zwangspause an der Wall Street seit der Weltwirtschaftskrise 1929.

Unter hohen Sicherheitsvorkehrungen waren am Morgen die Händler und Banker der Wall Street an ihren Arbeitsplatz zurückgekehrt. Die Börse liegt nur wenige Häuserblocks von der Unglücksstelle entfernt, wo Rettungsdienste unvermindert mit der Suche nach Überlebenden und der Bergung von Toten beschäftigt sind.

Märkte hatten die Zinssenkung der Fed erwartet

Eine Stunde vor Handelsbeginn hatte die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) unter dem Eindruck der Terroranschläge die US-Leitzinsen um 0,5 Prozentpunkte gesenkt. Das Signal der Fed kam zwei Wochen vor der nächsten regulären Sitzung des Offenmarktausschusses der Notenbank.

"Die Märkte haben mit diesem Schritt gerechnet. Die Notenbank macht damit das Horten von Liquidität weniger attraktiv", sagte Wayne Angell, Chefökonom der Investment-Bank Bear Stearns. Er erwartet eine weitere Zinssenkung um 25 bis 50 Basispunkte am 2. Oktober.

Es ist die achte Zinssenkung der US-Zentralbank in diesem Jahr. Die Leitzinsen sind jetzt 3,5 Prozentpunkte niedriger als zu Jahresbeginn, als der Tagessatz noch bei 6,5% lag. Die Fed begründete ihre Entscheidung mit der anhaltenden wirtschaftlichen Schwäche in den USA. Produktion, Beschäftigung und Investitionen hätten sich bereits vor den Terroranschlägen weiter abgeschwächt. Die Notenbank befürchtet, dass insbesondere der private Verbrauch, die bisherige Stütze der US-Wirtschaft, durch die Attacken stark nachlässt. Obwohl die Fed die langfristigen Aussichten der USA nach wie vor positiv beurteilt, befürchtet sie eine weitere Abschwächung der Konjunktur.

Der EZB-Rat vertraut auf die Stärke der US-Wirtschaft

Die EZB erklärte ihre Senkung der Leitzinsen um 50 Basispunkte auf 3,75 % damit, die Terrorangriffe in den USA würden die Zuversicht in der Euro-Zone belasten. Da dies die Inflationsrisiken weiter drücken werde, sei eine Zinssenkung angemessen. Der EZB-Rat vertraue auf die fundamentale Stärke der US-Wirtschaft. Die SNB nannte unter anderem die Unsicherheiten an den Finanzmärkten als Begründung für die Zinssenkung. Die Lockerung der Geldpolitik sei aber auch möglich geworden, weil sich der Preisdruck in der Schweiz verringert habe.

Die meisten Ökonomen an der Wall Street befürchten, dass die amerikanische Wirtschaft nach dem Schock der vergangenen Woche im dritten und möglicherweise auch im vierten Quartal schrumpfen könnte. Sinkt die Wirtschaftsleistung in zwei aufeinander folgenden Quartalen, befinden sich die USA nach der Definition der Ökonomen in einer Rezession. Experten fordern deshalb zusätzliche fiskalpolitische Maßnahmen. US-Finanzminister Paul O? Neill verbreitete dagegen Optimismus. Eine Rezession sei nicht unvermeidbar, sagte der Minister. Insgesamt rechnet er noch bis Jahresende mit einer konjunkturellen Erholung und mit einer Wachstumrate von über 3 % im kommenden Jahr.

Deutsche Ökonomen halten derzeit eine weltweite Rezession für nicht sehr wahrscheinlich. Joachim Scheide, Leiter der Konjunkturabteilung des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel, sagte dem Handelsblatt, er erwarte für die US-Wirtschaft, dass sich die Wende um etwa ein Quartal verschiebe. Vieles spreche aber dafür, dass die Belebung dann anschließend kräftiger ausfalle als bisher erwartet.

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