EZB-Vize will Notenbanken in europäischer Bankenaufsicht halten
Noyer: Euro ist fundamental gestärkt

Der scheidende Vizepräsident der Europäischen Zentralbank, Christian Noyer, beurteilt die Perspektiven des Euros günstig. Seine anfängliche Schwäche habe auf Sonderfaktoren beruht, die nun deutlich an Einfluss verlören.

FRANKFURT/M. Der Vizepräsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Christian Noyer, widerspricht Befürchtungen, dass die Euro-Bank demnächst infolge zunehmender Inflationsrisiken die Zinsen erhöhen müsse, auch wenn die konjunkturelle Erholung hinter den Erwartungen zurückbleibe. "Ich kann mir kaum eine Situation vorstellen, in der die Konjunktur zusammenbricht und der Druck auf die Preise dennoch zunimmt. Dieser Widerspruch ist nur sehr kurzfristig denkbar", sagte Noyer dem Handelsblatt.

"Sollte der Aufschwung in den USA und im Euro-Raum einbrechen, ergibt sich weltweit ein neues Szenario", erläutert Noyer. Das verändere die mittelfristigen Perspektiven für die Preisentwicklung: In einer schwachen Weltwirtschaft sei mit niedrigeren Preisen für Rohstoffe und Öl zu rechnen als in einer anziehenden. Auch die Tarifverhandlungen dürften dann anders verlaufen.

Sehr positiv sieht der EZB-Vize, der am 31. Mai nach vierjähriger Amtszeit turnusgemäß aus der EZB ausscheidet, den Außenwert der Europa-Währung: "Für mich ist das Potenzial des Euros nicht nur eine Frage des überbewerteten Dollars, wie es viele Studien nahe legen." Inzwischen sei allgemein anerkannt, dass die Ungleichgewichte in den USA abgebaut werden müssten. Damit sollte die Überbewertung des Dollars gegenüber anderen Währungen, inklusive dem Euro, abklingen. "Ich hoffe, dass sich die Anpassung allmählich vollzieht und das Risiko einer abrupten Korrektur vermieden wird." In erster Linie sei das die Aufgabe der amerikanischen Wirtschaftspolitik.

Der Wechselkurs des Euros ist in seinen ersten drei Jahren für Noyer von Sonderfaktoren geprägt gewesen: Erstens habe es eine Welle von Direktinvestitionen aus Europa in die Vereinigten Staaten gegeben - teilweise ausgelöst durch viel versprechende Ertragsaussichten jenseits des Atlantiks, teilweise aber auch als Folge der Restrukturierung europäischer Unternehmen als Antwort auf den Euro. Zweitens hätten europäische Investoren in Reaktion auf den vergrößerten europäischen Kapitalmarkt ihre Portfolios stärker international diversifiziert.

"Natürlich haben die damit verbundenen Kapitalströme den Wechselkurs des Euros belastet", räumt der Franzose ein. "Sie ließen die Leistungsbilanz vorübergehend in den Hintergrund treten. Ich erkenne dahinter aber keine Schwäche des Euros. Die Kapitalbewegungen haben die europäischen Unternehmen gestärkt und zu wohl diversifizierten Portfolios geführt -- schnell, in nur zwei oder drei Jahren." Jetzt, nachdem die Welle der Kapitalbewegungen abebbe und die relative Situation der Leistungsbilanzen der USA und des Euro-Raumes wieder an Bedeutung gewinne, stärkten die Anpassungen das Potenzial des Euros.

Gold bleibt wichtiges Reservemedium

Für völlig ausgeschlossen hält es Noyer, dass Regierungen Anspruch auf Teile der Währungsreserven, etwa die Goldbestände der nationalen Notenbanken des Eurosystems erheben könnten, um Engpässe in ihrer Haushaltslage zu überwinden. "Was die Regierungen von den Notenbanken erhalten, sind die Gewinne, nicht die Aktiva." Unter Notenbanken und Währungsbehörden herrsche Einigkeit darüber, dass Gold ein wichtiges Reservemedium bleibe und eventuelle Umschichtungen von Gold in andere Aktiva so erfolgen müssten, dass sie den Markt nicht störten. Diese Annahme liege dem Goldabkommen der Zentralbanken von 1999 zugrunde.

Wenn nationale Notenbanken abhängig von ihren jeweiligen Verpflichtungen ihre Währungsreserven in Höhe und Struktur modifizieren wollten, so sei dagegen nichts einzuwenden. "Das muss freilich - wie im EU-Vertrag vorgeschrieben - im Einklang mit den Regeln des Eurosystems geschehen", erinnert Noyer. Erstens seien die Notenbanken nicht unabhängig, sondern Teil eines Systems. "Die Stärke und die Vertrauenswürdigkeit dieses Systems hängt ab von der Stärke der Bilanzen der einzelnen Notenbanken." Zweitens könne jede Veränderung in der Zusammensetzung der Währungsreserven die Liquiditätssituation an den Finanzmärkten und damit das reibungslose Funktionieren der Geldpolitik beeinflussen.

Auf lange Frist hält Noyer es für wünschenswert, nicht nur bei den Währungsreserven, sondern insgesamt eine stärkere Konvergenz der Notenbankbilanzen anzustreben. "Es besteht dafür keine Eile, und es sollte auch nicht auf bürokratische Weise geschehen", meint der EZB-Vize. Eine allmähliche Harmonisierung der Struktur der Bilanzen könnten aber dem dezentralen Eurosystem auf Dauer helfen, stärker als ein einheitliches System zu funktionieren.

Ein Rahmenwerk für eine Bankenaufsicht auf Europa-Ebene, das die Notenbanken ausschließen würde, lehnt Noyer kategorisch ab. "Wenn wir eines Tages eine Finanzkrise haben, können wir die nur bewältigen, wenn die Aufsichtsbehörden und die Notenbanken eng kooperieren." Der EU-Vertrag weise dem Eurosystem eine Mitverantwortung für das Funktionieren der Finanzaufsicht und die Stabilität der Finanzmärkte zu. "Für mich ist das nicht nur ein Satz im Vertrag. Dahinter steht ein tiefer Sinn."

Marietta Kurm-Engels
Marietta Kurm-Engels
Handelsblatt / Redakteurin
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