Fachleute verwundert über massive Warnungen
Terrorwarnungen treffen die Wirtschaft

Der internationale Terror lässt den Reisenden keine Ruhe: Zwischen 500 000 und 700 000 Klicks täglich zählt das Auswärtige Amt mittlerweile auf seiner Homepage mit Reisewarnungen und Sicherheitshinweisen - mehr als doppelt so viele wie zu Zeiten der Anschläge am 11. September 2001. Doch wirklichen Schutz vor politischen Anschlägen kann der Service nicht bieten: Bisher hat El Kaida stets in Ländern zugeschlagen, die nicht auf der Liste derjenigen Staaten standen, bei denen das Auswärtige Amt ganz von Reisen abrät.

ink/sha BERLIN/DÜSSELDORF. Niemand weiß wirklich, wo die Terroristen künftig zuschlagen. Deshalb rät das Auswärtige Amt vorsichtshalber auch da zur Vorsicht, wo Geheimdienste verdächtige Hinweise auf mögliche Anschläge aufschnappen - wie zurzeit in Ostafrika.

So begierig Reisende die Empfehlungen auch aufnehmen, so heftig können die Wirkungen für die betroffenen Länder sein. Die Regierung Kenias etwa protestierte gegen die Sicherheitshinweise auch der britischen Regierung, weil sie erhebliche ökonomische Auswirkungen fürchtet. Denn wird erst einmal vor Reisen gewarnt, bricht oft der devisenbringende Tourismus zusammen. Die perfide Folge: Die Rechnung islamistischer Terroristen, die vor allem westlich orientierte Länder treffen wollen, geht mit oder ohne Anschlag auf. British Airways etwa stellte aus Sorge vor Anschlägen alle Flüge nach Kenia ein - obwohl die Anschläge in Saudi-Arabien und Marokko stattfanden.

Warum derzeit gerade vor Ostafrika so massiv gewarnt wird, können einige Fachleute ohnehin nicht verstehen. "Da kann ich kein Strickmuster erkennen. Ich könnte das höchstens nachvollziehen, wenn die internationalen Streitkräfte am Horn von Afrika neue Erkenntnisse über gefährliche Materiallieferungen oder dergleichen hätten," sagte Hans W. Meier-Ewert, Geschäftsführer des Hamburger Afrika-Vereins. Eigentlich verbreite gerade Kenias neue Regierung unter Mwai Kibaki seit Anfang des Jahres eine liberale Stimmung und zeige sich offen gegenüber allen Religionen. Diese Aufbruchstimmung strahlt auf die Region aus, aus der es neuerdings auch wirtschaftliche Hoffnungssignale gibt. So wollen Tansania, Uganda und Kenia die Zollschranken der Region bis 2008 einreißen. Das lockt auch deutsche Investoren. So hat beispielsweise die Beiersdorf AG in Kenia gerade eine neue Produktionsstätte eingeweiht. Diese zaghaften Ansätze sieht der Afrika-Verein nun in Gefahr: So stehen große Fragezeichen vor einer Unternehmerreise nach Kenia, die der Verein für Ende August geplant hatte. Nach der Reisewarnung sei es schwer, Versicherungsschutz für die Delegationsmitglieder zu finden. Bei Sicherheitshinweisen können die Versicherer im Einzelfall entscheiden, wen sie vom Versicherungsschutz ausschließen. Deutsche Sicherheitskreise halten dagegen, dass man etliche Gespräche abgehört habe, die auf Aktivitäten von Terroristen hindeuten.

Ob sich die deutschen Touristen überhaupt nach den Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes richten, bleibt zunächst offen. Nach den ersten Anschlägen in Mombasa Ende 2002 hatten sie das Land gemieden und umgebucht. Jetzt bieten die deutschen Reisekonzerne den Touristen ebenfalls an, ihre Kenia-Flüge kostenlos umzubuchen - was bei dem von Berlin veröffentlichten verstärkten Sicherheitshinweis rechtlich nicht nötig wäre. Wegen der negativen Signalwirkung auf das gesamte Reiseland habe man sich damit aber schwer getan, meint Tui-Sprecher Robin Zimmermann. Der Kenia-Tourismus erhole sich gerade erst von den Anschlägen im vergangenen November. Das gilt auch für Tansania, das besonders auf den Fremdenverkehr angewiesen ist. Neben Agrarexporten wie Kaffee und Tee sind Touristen die wichtigsten Devisenbringer.

Dagegen weist das Auswärtige Amt den Vorwurf zurück, dass allein die Reisewarnungen für das Abebben der Touristenströme verantwortlich seien. Wie im Falle der Anschläge im tunesischen Djerba im vergangenen Jahr reiche die Berichterstattung aus, um Reisende abzuschrecken. Trotz aller wirtschaftlichen und politischen Auswirkungen für die Länder müsse in der Abwägung die Sicherheit der deutschen Reisenden Vorrang haben.

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