Fachliche Kompetenz allein ist nicht entscheidend
Patente Forscher

Wenn Wissenschaftler ein Unternehmen gründen, brauchen sie vor allem ein professionelles Management und Markterfahrung. Das beweisen zwei Beispiele aus der Software-Branche.

Auf so ein Wagnis würde ich mich heute nicht mehr einlassen", sagt Marcel Yon. Der smarte Mittdreißiger hat vor drei Jahren seinen gut bezahlten Job bei einer Londoner Investmentbank an den Nagel gehängt, um sich in ein Abenteuer der besonderen Art zu stürzen: die Rettung eines vom Untergang bedrohten Technologieunternehmens.

1993 ist das "Zentrum für Neuroinformatik" mit hohem wissenschaftlichen Renommee aus der Bochumer Universität heraus gegründet worden: ein klassisches Spin off. Inspiriert von der Funktionsweise des menschlichen Gehirns wollten Computerforscher die Vision vom Künstlichen Sehen in hochwertige Produkte verwandeln.

Lukrative Aussichten für die strukturschwache Ruhrgebietsregion. Die Landesregierung förderte die High-Tech-Ausgründung großzügig: "Es sind rund 60 Millionen DM in das Unternehmen geflossen", sagt Yon.

Genützt hat das viele Geld wenig. Zwar gaben sich Automobil- und Computerindustrie in Bochum zunächst die Klinke in die Hand, winkten mit Forschungsaufträgen für intelligente Navigationssysteme, autonom agierende Roboter und die Gesichtserkennung. Ein paar Jahre lang jagte ein Projekt das nächste. "Dann waren die Fördermittel verbraucht, Investoren nicht in Sicht und in den Büchern herrschte das Chaos", so Geldmensch Yon.

Die meisten Prototypen verstauben in der Ecke

Rund 50 unterschiedliche Prototypen hatte der wissenschaftliche Ehrgeiz der Forscher in nur wenigen Jahren hervorgebracht. Die meisten verstaubten in irgendwelchen Ecken. "Ein Großteil der exzellenten Technik taugte nur für Nischenmärkte", erzählt Yon. Auch hatten die Forscher versäumt, Patente und Vereinbarungen mit Auftraggebern auf betriebswirtschaftliche Konsequenzen zu prüfen.

Als der Banker die Verträge durchsah, offenbarte dies haarsträubende Fehleinschätzungen: Eine Inspektionssoftware für die Papierverarbeitung hatte der Industrie bis zu 500 Millionen DM erspart. "Doch war die Chance vertan, die Firma an den erwirtschafteten Summen angemessen zu beteiligen", erkannte Yon. "Aus dem akademischen Forschungsbetrieb ein profitables Unternehmen zu machen, schien mir damals fast aussichtslos."

Besser lief es auf dem Technologiehof Münster. Der schlichte, mehrstöckige Zweckbau, nur einen Steinwurf von Universität und Fachhochschule entfernt, ist eine bei Unternehmensgründern beliebte Adresse. Hier haben die beiden Physiker Carsten Cruse und Stefan Leppelmann ihren Traum vom Künstlichen Sehen verwirklicht. Was vor fünf Jahren in einem mit Computern vollgestopften Raum des Technologiehofs, mit 10 000 DM Zuschuss und einer halben, von Vater Staat gesponserten Mitarbeiterstelle - dem Preis aus einem Gründerwettbewerb - begann, hat sich zu einem aufstrebenden Unternehmen entwickelt. Mit insgesamtn 25 Mitarbeitern breitet sich die CLK Cruse Leppelmann Kognitionstechnik GmbH inzwischen auf mehreren Etagen aus. "Wir hatten nicht damit gerechnet, dass sich alles so gut entwickeln würde", sagt Carsten Cruse, der mit seiner Firma nun Millionenumsätze anpeilt.

Anfangs noch mit einer bunten Produktpalette im Programm, haben sie sich die beiden alerten Ex-Forscher mit ihrer cleveren Computersoftware auf ein lukratives Kompetenzfeld, die industrielle Bild- und Datenanalyse, spezialisiert. Als die Thyssen AG Probleme mit der Prozesstechnik in ihrem Duisburger Stahlwerk hatte, entschied sie sich für die Spezialsoftware aus Münster. Die spürt nun Fehler in der Technik und bei maschinellen Abläufen auf und erspart dem Stahlkonzern so mehrere Millionen DM pro Jahr.

Fachliche Kompetenz allein ist nicht entscheidend

Ausschlaggebend für den Erfolg einer Unternehmensgründung aus der Wissenschaft ist nicht allein die hohe fachliche Kompetenz, analysiert eine Studie des Bochumer Instituts für angewandte Innovationsforschung (IAI). Entscheidend seien "unternehmerische" Fähigkeiten. IAI-Experte Marcus Kottmann: "Forschungsorientierte Firmen müssen früh an Produkte denken und zügig geeignete Vermarktungsstrategien entwickeln." Gelingt das nicht schnell genug, ist auch eine noch so üppige Finanzausstattung bald wirkungslos verpufft. Manchmal hilft eine radikale Umstrukturierung. "Nur selten fällt im letzten Augenblick ein beherzter Business-Angel vom Himmel, der das Steuer herumreißen kann", warnt Kottmann.

Das Bochumer Informatikunternehmen hatte Glück im Unglück: Yon übernahm die Geschäftsleitung und straffte alle Bereiche. Heute gehört die Bochumer ZN Vision Technologies AG zu den weltweit führenden Anbietern von Gesichtserkennungssystemen. Der elektronische Pförtner bewacht die Rechenzentren von Banken und kontrolliert die Sicherheit von Kernkraftwerken und Flughäfen. Mit einer Variante der Technik gehen Behörden im In- und Ausland erfolgreich auf Verbrecherjagd. "Nur weil wir zusammen 70 Unternehmer in der Firma sind, konnte die Umstrukturierung so gut klappen", beschreibt Yon das gelungene Experiment, in kurzer Zeit aus einem akademischen Forschungsbetrieb ein international konkurrenzfähiges Unternehmen zu machen.

Den harten Kurs überlebten nur drei Entwicklungen. Sie sind heute die technologische Plattform des Unternehmens, auf der standardisierte Produkte aufbauen. Die patente Neuausrichtung lockte denn auch rasch potente Investoren an. Die Jenoptik-Tochter DEWB AG und die ETEP AG, eine Tochtergesellschaft der Ergo-Versicherungsgruppe halten mittlerweile Beteiligungen an dem Bochumer Technologieunternehmen.

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