Fachwelt rätselt über Gründe für fatalen Wechsel
Advocaat verspielt letzten Kredit

Nach der 2:3-Niederlage der Niederlande gegen Tschechien bei der Fußball-EM scheint die Zukunft von Trainer Dick Advocaat fragwürdiger denn je. Er allein wird durch einen Wechsel für den Spielausgang verantwortlich gemacht.

HB BERLIN. Die 2:3-Niederlage der Niederlande nach einer 2:0-Führung gegen die Tschechen bei der Fußball-EM bringt den ohnehin schon schwer angeschlagenen Trainer Dick Advocaat noch viel mehr in die Bredouille. Dem Bondscoach wird der schmerzliche Verlust dieser hochklassigen Partie ganz allein angekreidet.

Advocaat saß minutenlang wie versteinert auf seiner Trainerbank. Zu keinem Wort und keiner Regung fähig. 30.000 Menschen um ihn herum feierten im Estadio Municipal in Aveiro begeistert ein denkwürdiges Spiel, aber keiner der niederländischen Stars würdigte den Coach auch nur eines Blickes. Advocaat war nach dem 2:3 (2:1) der Niederlande gegen Tschechien ganz allein, hatte sich selbst ins Abseits gestellt.

Der Fußballlehrer erkannte in diesem Moment, dass er als Nationaltrainer in den Niederlanden keine Zukunft mehr hat, weil er wusste, dass er ganz allein mit seinen Wechseln verantwortlich war für eine vermeidbare Niederlage in dem bislang besten Spiel der Euro 2004 in Portugal. Als Advocaat in der 59. Minute Arjen Robben vom Feld holte und durch Paul Bosvelt ersetzte, verstand ihn die Fußballwelt nicht mehr. Robben hatte auf dem linken Flügel ein berauschendes Spiel abgeliefert, seinen Freistoß nutzte Wilfred Bouma (4.) zum 1:0, seine Flanke Ruud van Nistelrooy zum 2:0 (19.), die Tschechen wussten auf ihrer rechten Defensivseite nicht mehr, was sie machen sollten.

Ausgerechnet diesen Robben holte Advocaat aus dem Spiel. Zunächst Pfiffe und dann lähmendes Entsetzen bei 15.000 Oranje-Fans. «Mit dem Wechsel von Robben ist das Spiel gekippt», sagte Ruud van Nistelrooy. «Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie ein Spiel so genossen wie dieses», sagte der Ex-Schalker Youri Mulder als Spielbeobachter für das niederländische Fernsehen. «Auch wenn wir verloren haben. Letztendlich haben wir wegen der blöden Wechsel verloren. Der beste Mann geht raus, ein Defensivmann rein. Warum?»

Hollands Fußball-Idol Johan Cruyff hielt sich dagegen mit direkter Kritik am Bondscoach aus guten Gründen zurück. «Wenn ich etwas sage, soll ich doch gleich wieder Nationaltrainer werden. Was ich nicht verstehe, ist, dass Roy Makaay nicht spielt. Der braucht eine halbe Chance und macht ein Tor, andere von uns brauchen fünf, um ein Tor zu machen. Bei mir hätte Makaay eine Aufstellungsgarantie. Advocaat hat sich von der Angst leiten lassen.»

In den Niederlanden wird nun Ronald Koeman als neuer Bondscoach gehandelt. Der Ex-Nationalspieler beteuerte zwar, noch zwei Jahre bei Ajax Amsterdam bleiben zu wollen, Gespräche mit dem Verband sind aber wahrscheinlich. Advocaat selbst, wegen seiner taktischen Gedankenspiele seit Monaten schwer unter Druck, befand: «Ich habe Robben aus dem Spiel geholt, weil er in den letzten drei Monaten kaum gespielt hat. Ich wollte Bosvelt auf Tomas Galasek ansetzen.» Ungläubiges Staunen um Advocaat.

Mit hohlen Wangen und leerem Blick versuchte der Bondscoach seine taktischen Winkelzüge zu erklären. Kaum einer hörte ihm noch zu. «Wir hatten das Spiel unter Kontrolle, und auch nach den Wechseln hatten wir noch genügend Chancen. Wir hätten mehr verdient gehabt.» Bayern-München-Torjäger Makaay und Rafael van der Vaart stapften mit finsteren Mienen aus dem Stadion. Keine Reaktion auf irgendwelche Fragen. Sauer auf Bondscoach Advocaat sind sie alle.

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