Fahrerprominenz ist zu alt für die Zielgruppe
Audi, Mercedes, Opel - Reif für die Seifenoper

Wer wissen möchte, wie eine von den Automobilherstellern regierte Formel 1 aussehen könnte, der kann die Deutsche Tourenwagen-Masters (DTM) als Anschauungsunterricht nehmen. Dies sehen offenbar eine ganze Menge Motorsportfreunde so, denn die Selbstinszenierung deutscher Markenqualität erlebten im vergangenen Jahr insgesamt 47 Millionen TV-Zuschauer in Deutschland und im Schnitt 54 000 Besucher an den Strecken. Das sind ziemlich genau so viele Fans, wie der Große Preis von San Marino an Ostern nach Imola lockte.

STUTTGART. Am großen Maßstab Formel 1 kommt die DTM auch in ihrem vierten Jahr - mit nach wie vor lediglich drei beteiligten Herstellern (Audi, Daimler-Chrysler/Mercedes, Opel) dennoch nicht vorbei. Und daran hat sie selbst Schuld: Bei praktisch allen Regeländerungen, vom Punktesystem bis zu den Sparmaßnahmen, wird der Grand-Prix-Sport zum Vorbild genommen. Nur beim Einzelzeitfahren war es umgekehrt, dies hatte die DTM der Formel 1 voraus. Mit dem Unterschied, dass die zehn Besten des Zeittrainings im neuen DTM-Rennjahr noch mal in einer Extra-Runde um eine Super-Pole-Position streiten müssen. Immer noch eins draufsetzen, um so den Steigflug in Sachen Popularität fortzusetzen.

Dafür wird in dieser Saison, die am Wochenende auf dem Hockenheimring beginnt (wo sie Anfang Oktober auch endet), erstmals das Nachtanken der bis zu 470 PS starken Achtzylinder-Autos erlaubt sein. Das erfordert neue Strategien, zumal die üblichen zwei Wertungsläufe zu einem richtigen Rennen über 160 Kilometer zusammengelegt wurden.

Damit es auch garantiert etwas wird mit der zusätzlichen Spannung, sind zwei Boxenstopps für die sechs Audi TT-R, neun Mercedes-Benz CLK und sechs Opel Astra V8 vorgeschrieben. Dabei wird deutlich, dass sich die DTM als Zweckgemeinschaft versteht. Es darf sich keiner benachteiligt fühlen, schon deshalb nicht, damit alle Hersteller weiter bei der Stange bleiben. Hans-Werner Aufrecht, in Personalunion Mercedes-Teamchef und Vorsitzender der Dachorganisation Internationale Tourenwagenrennen e.V., spricht von "Produkten" und "Kunden", und überträgt so das Vokabular des wirtschaftlichen Sinns einer serienverwandten Meisterschaft (nämlich Autos zu verkaufen) auf den sportlichen Zweck: "Alles, was wir tun, dient dem Ziel, unseren Kunden an der Rennstrecke und an den Bildschirmen eine gute Unterhaltung zu bieten."

Den hohen Show-Anteil, das zeigte schon die Serien-Präsentation im Europapark Rust, glaubt man einer neuen Zielgruppe schuldig zu sein. Die bekanntesten unter den 21 Piloten - Bernd Schneider (38), Jean Alesi (38), Joachim Winkelhock (42) - werden immer älter, das Zuschauerprofil soll sich aber verjüngen. Weshalb Pop-Sternchen Jeanette Biedermann einen DTM-Song ("Right now") trällert, die Seifenoper "Marienhof" Rennszenen in ihre Drehbücher aufnimmt und bei den Rennen Popkonzerte und Boxkämpfe neues Publikum anlocken sollen. ARD und ZDF, die im Wechsel die zehn Rennen (inklusive der Auslandsgastspiele in Italien, England, Österreich und den Niederlanden) am Sonntagnachmittag live übertragen, adaptieren eine weitere Gesetzmäßigkeit der Formel 1: den steten Start um 14 Uhr. Die DTM setzt auf die Macht der Gewohnheit.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%