Familieninteressen sollen durchgesetzt werden: Mohn'sche Neuausrichtung bringt Bertelsmann in Unruhe

Familieninteressen sollen durchgesetzt werden
Mohn'sche Neuausrichtung bringt Bertelsmann in Unruhe

Die Abrechnung des Bertelsmann-Eigentümers Reinhard Mohn (81) mit "eitlen Managern" in der vergangenen Woche hat den Medienkonzern in Unruhe versetzt.

HB/dpa HAMBURG. Wer war gemeint? Waren die früheren Vorstandschefs gemeint oder das gegenwärtige Führungsteam? Erwähnt wird namentlich niemand. Mohns Schlussfolgerung aus der Kritik: Verlass sei einzig auf die eigene Familie. Seine Frau Liz soll künftig die Familieninteressen im Konzern durchsetzen.

Dies hat den Aufsichtsratsvorsitzenden der Bertelsmann AG, den früheren Gruner+Jahr-Vorstandschef Gerd Schulte-Hillen, provoziert. Öffentlich widersprach im "Spiegel": Der Schwenk sei gefährlich, die Kritik habe das Management irritiert. "Wenn die Familie nun ein derart starkes Gewicht bekommen soll, wie Mohn es jetzt beabsichtigt, wird das Risiko von Fehlentscheidungen keineswegs kleiner."

Auch einer der potenziell Angesprochenen - der 16 Jahre lang amtierende Vorstandschef Mark Wössner - äußerte sich öffentlich: Sollte Mohn das "über Jahrzehnte erfolgreiche und loyale Management" tatsächlich "kollektiv desavouiert" haben, um die Rückkehr zu mehr Familieneinfluss zu begründen, erklärte er im Nachrichtenmagazin "Focus", wäre dies "nicht sachgerecht" und "nicht fair".

Reinhard Mohn ist Abkömmling der Bibel-Verleger Bertelsmann und Gründer der Bertelsmann AG. Mit hohem Sendungsbewusstsein hat der Selfmademan den Konzern auf- und ausgebaut und dabei immer wieder verkündet: Führung entscheidet alles. Und er lebte diesen Anspruch auch vor: Mit 60 Jahren wechselte er vom operativen Geschäft in den Aufsichtsrat. Mit 70 verließ er auch dieses Gremium und widmete sich der weithin respektierten Arbeit der Bertelsmann-Stiftung.

Seine ganze Aufmerksamkeit galt weiterhin der Auswahl der Besten für die Führung des Unternehmens. Auf einem kleinen Zettel vermerkte er die Leistungswilligsten, die Begabtesten, die Erfolgreichsten. Dass sich darunter kein Mitglied der Familie befand, war für ihn eine reine Selbstverständlichkeit. Es sollten die Besten der Besten sein. Wenn in der Familie überhaupt Verständnis für das Geschäft vorhanden sei, sollte man zufrieden sein, so sein Resümee. Mehr sollte man darüber hinaus nicht erwarten.

Dies ist nun Schnee von gestern. Auslöser des Umdenkens war die Frage, ob Bertelsmann wie jedes andere vergleichbare Medienunternehmen an die Börse gebracht werden sollte und auf diesem Wege finanziell flexiblere Spielräume erhielte. Das hätte bedeutet, den Einfluss der Familie - sie hält direkt und indirekt eine Drei- Viertel-Mehrheit - zu verringern.

An dieser Frage brach im Juli 2002 die bis dahin vorherrschende Einheit zwischen Management und Eigentümer auseinander. Vorstandschef Thomas Middelhoff verließ das Unternehmen am 28. Juli letzten Jahres. Er war neben Reinhard Mohn der vierte Konzernlenker und er ging wie alle seine Vorgänger im Unfrieden. Bis zu seinen letzten Amtstagen empfing Middelhoff immer wieder schriftliche Zeugnisse der außerordentlichen Wertschätzung durch den Patriarchen - ehe auch ihm das Vertrauen entzogen wurde. Von ihm gibt es keine öffentliche Äußerung zu dem aktuellen Vorgang.

Seinem Nachfolger Gunther Thielen kommt die entstandene Lage völlig ungelegen: Er hat das Unternehmen auf Kurs gehalten, die Zahlen sind für die schlechten Zeiten anständig, alle Bereichen bis auf die Direct Group machen operativen Gewinn und auch der Ausblick, den er Ende März auf der Bilanzpressekonferenz geben wird, ist eigentlich positiv.

Intern suchte Thielen noch die Wogen zu glätten: Öffentliche Interpretationen hätten zu "Missverständnissen" geführt, schrieb er am Freitag an die Mitarbeiter. Der Vorstand und nicht die Eigentümer führe das Unternehmen, das Verhältnis mit dem Minderheitsgesellschafter sei gut, wie auch das zum Aufsichtsrat. Ob es so bleibt, wird man gespannt verfolgen.

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