Fanatismus nur in Landesteilen
Fernsehbilder aus Pakistan täuschen Stimmung gegen USA vor

Mehrmals täglich stirbt US-Präsident Bush in Pakistans Städten einen grausamen Feuertod. Eine Strohfigur, die ihn symbolisiert, wird in die Stars-and-Stripes-Flagge eingehüllt, mit Benzin übergossen und angezündet. Dennoch geht nur ein leichtes Raunen durch die Menge der Zuschauer dieses Spektakels: Der Funken des Fanatismus spingt nicht über. Die vielen Fernsehbilder täuschen.

ISLAMABAD. Auch "Ausschuss zur Verteidigung Afghanistans", eine Vereinigung von 35 islamischen Organisationen, muss zugeben, dass es nicht recht gelingt, antiamerikanische Stimmung zu verbreiten. Die Ausnahme bildet nur der Süden Afghanistans, und dort vor allem die Gegend um Karaghi.

Selbst in der einfachen afghanischen Bevölkerung finden die Vereinigten Staaten Unterstützung. "Wir haben nichts gegen die Amerikaner, sie halfen uns damals gegen die Russen", so ein 55 jähriger Mann, der vor den Taliban flüchten musste. Seine Meinung mag keine Mehrheit finden - doch ist sie auch kein Einzelfall.

Wie es scheint, hat die Regierung der Taliban nicht die gesamte Bevölkerung unter ihrer Kontrolle. "Der Taliban ist nicht unsere Regierung und bin Laden ist nicht einmal Afghane und hat für uns nichts Gutes getan", erklärt ein Afghane aus Kadahar gegenüber einer pakistanischen Zeitung.

Flüchtlinge leiden

In Pakistan leben bisher 1,2 Millionen afghanische Flüchtlinge, und das unter schlimmsten Bedingungen. Weitere Tausende sind auf dem Weg hierher. Sie nehmen die Bergpässe des Hindukusch, nachdem die pakistanische Armee die regulären Grenzübergänge geschlossen hat. Allein in der vergangenen Woche zählten Mitarbeiter der Vereinten Nationen über 40.000 Flüchtlinge in Peschawar. Vor Jahren flohen die Afghanen vor den sowjetischen Besetzern, danach vor den Taliban und nun vor der Gefahr eines US-Angriffs. Wird dieser Krieg aber an der Grenze halt machen?

Ein Krieg in Afghanistan könnte schnell auch auf Pakistan übergreifen. Der Sicherheit wegen säumen Polizeibeamte in blauen Uniformen die Straßen, mit Helmen, Schilden und Schlagstöcken gerüstet. Dabei schwitzen sie in ihren kugelsicheren Westen.

Auf den ersten Blick scheint die Lage ruhig. Die Geschäfte und die Börse, die vergangene Woche geschlossen hatten, sind wieder geöffnet. Aber bis zum normalen Alltagsleben ist es noch ein weiter Schritt: Am Montag setzte die pakistanische Regierung die geplanten Südasien-Spiele ab, da sich viele Teilnehmer weigerten anzurei-sen. Islamische Geistliche hatten Geschäftleute zu einem Generalstreik am vergangenen Wochenende aufgerufe, doch wurde der Appell bisher - mit wenigen Ausnahmen - ignoriert.

Protest gegen Islamisten auf andere Art

Zu Ausländern verhält sich der Grossteil der Bevölkerung korrekt. "Es ist schon etwas Aussergewöhnliches", entgegnet Ajman Zawahri, ein örtlicher Journalist. "Auf der einen Seite haben die Geschäftleute Angst, dass ihnen irgendwelche Fanatiker die Kunden verjagen, auf der anderen Seite sind die einfachen Leute erbost darüber, dass sie im Ausland als Terroristen dargestellt werden, nur weil sie Muslime sind." Zawahri fügt hinzu: "Das zuvorkommende Verhalten gegenüber Ausländern ist auch ein Protest gegen den religiösen Fanatismus im eigenen Land."

Anders sieht die Situation in Süden des Landes, in der Gegend um Karaghi und Peschawar in Richtung afghanischer Grenze aus. Allein in Peschawar verbrannten über 6000 Menschen amerikanische Flaggen. Peschawar wiederum ist von Flücht-lingslagern umringt, die von verzwei-felten Afghanen überfüllt sind. Aus Sicherheitsgründen ist der internatio-nalen Presse der Zutritt zu diesen Lagern seit Montag verboten.

"Wer behauptet, es drohe zwischen Afghanistan und Pakistan Krieg, der lügt!" Mit diesen Worten zitierte eine örtliche Zeitung den Sprecher der pakistanischen Streitkräfte, General Raschid Kereschi. Dieser dementiert auch Aussagen, denen zu Folge sich auf beiden Seiten der Grenze die Militärkontingente erhöhen. Aber auch die derzeitige Situation, in der täglich neue Flüchtlingsströme über die Grenze marschieren, obwohl diese offiziell geschlossen wurden, ist für Pakistan unangenehm: Sollte ein Angriff auf Afghanistan erfolgen, wären auch pakistanische Truppen im Grenzgebiet in die Kämpfe verwickelt. Dabei wird zurzeit auch viel über die Loyalität des Militärs zur derzeitigen Regierung in Islamabad spekuliert.

Nur 70 Prozent der Offiziere stehen hinter Musharaf

Nach Angaben von Beobachtern kann sich der pakistanische Präsident sich nur auf 70 Prozent seiner Offiziercorps verlassen, der Rest sympathisiert mit den islamischen Taliban. Käme es zu einem offenen Konflikt, könnte diese Mehrheit zugunsten der Fundamentalisten kippen und im Putsch gegen Islamabad enden.

Auch die pakistanische Wirtschaft leidet: Reiche Afghanen hatten bisher ihre Konten bei pakistanischen Banken. Doch aus Angst vor einer eventuellen Blockade ihrer Konten trans-ferierten sie ihre Gelder nun in andere Länder. Der pakistanische Aussenminister Satar warnt bereits vor einem Wirtschaftskollaps: "Wir brauchen dringend die Hilfe der internationalen Staatengemeinschaft, vor allem Finanzmittel."

"Die Menschen", so der Journalist Zavahri, "sehen zwar mit Zufriedenheit, dass die Vereinigten Staaten Militärbasen in Uzbekistan benutzen und nicht bei uns", kommentiert Journalist Zavahri die Lage. "Sollte aber ein direkter Angriff auf ein muslimisches Land erfolgen, könnte dies schnell zu einem unüberschaubaren Bürgerkrieg führen".

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