Fast 200 Todesopfer im ganzen Land: Hexenjagd auf Chinas SARS-Kranke

Fast 200 Todesopfer im ganzen Land
Hexenjagd auf Chinas SARS-Kranke

Zwei Tage ist es her, dass schockierenden Enthüllungen über das wahre Ausmaß der SARS-Krise in China an die Öffentlichkeit drangen, doch die Regierung des Landes tastet sich erst langsam an die propagierte neue Offenheit im Umgang mit der Lungenkrankheit heran.

PEKING. So gab die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua die Zahlen für Ostermontag über 143 neue Infektionen und sieben weitere Todesfälle erst am Dienstagmorgen um 0:45 Uhr heraus. Die Nachrichten in der Hauptsendezeit des Staatsfernsehens will die Führung mit derart schockierenden Zahlen nicht belasten, denn die Stimmung in Peking schlägt ohnehin immer mehr in Panik um.

Am Dienstag breitete sich wie ein Lauffeuer das Gerücht aus, auf einer der Großbaustellen der Stadt gebe es vier SARS-Fälle. Als die Polizei mit einem Großaufgebot herbeieilte, waren alle 3 000 Bauarbeiter und das Management verschwunden. Die SARS-Realität in Peking hat etwas von einer Hexenjagd - und die Epidemie kriecht bereits ins Zentrum der Macht. Das neue Handelsministerium sagte am Dienstag zahlreiche Termine ab, weil es allein in der Behörde vier SARS-Fälle gibt. Einer der Betroffenen soll Kontakt zu dem finnischen Mitarbeiter der internationalen Arbeitsorganisation ILO gehabt haben, der vor zwei Wochen in Peking an der Krankheit verstarb.

Schleichend breitet sich Panik aus. Weil die Zahl der Toten mittlerweile allein in Peking von 18 auf 25 nach oben korrigiert wurde, sandte die Zentralregierung am Dienstag weitere Inspektionsteams an die Brennpunkte im Land. Aus Hongkong wurden mittlerweile 99 Opfer gemeldet, aus dem übrigen China insgesamt 97. Und Gao Qiang, der neue Parteichef im Gesundheitsministerium, der am Ostersonntag die schockierenden Zahlen bekannt gab, warnte bereits: "Die Zahl der SARS-Fälle wird in den nächsten Tagen noch zunehmen."

In welche politische Krise der Rauswurf des Gesundheitsministers und des Pekinger Bürgermeisters die Führung des Landes gestürzt hat, wird immer deutlicher. So musste der Pekinger Parteisekretär Liu Qi - im chinesischen System die politische Nummer eins in der Hauptstadt - in zahlreichen Zeitungen Selbstkritik üben. Während die politische Selbstreinigung nach dem eingestandenen PR-Debakel auf Hochtouren läuft, nehmen die Experten der Weltgesundheitsorganisation WHO bis Donnerstag vier Tage lang die Industriemetropole Schanghai unter die Lupe. Und Jeffrey McFarland, in Peking stationierter WHO-Experte für ansteckende Krankheiten, wurde mit der Aufforderung zitiert, die Behörden in China sollten doch eine bessere Aufschlüsselung der Daten anbieten, um zu zeigen, woher die Fälle kommen und wann die Patienten mit SARS diagnostiziert wurden. Die neue Offenheit ist also durchaus noch verbesserungsfähig.

Die Vorsichtsmaßnahmen gegen die mysteriöse Lungenkrankheit wurden inzwischen weiter verstärkt. So sagte die renommierte Wirtschaftsuniversität UIBE, früher ein Ableger des Außenhandelsministeriums Moftec, für 30 Tage alle Prüfungen ab, und an der Peking- Universität fallen lange vorbereiteten Jubiläumsfeiern aus. Nachdem 118 Personen an der Akademiker- Schmiede unter SARS-Beobachtung gestellt wurden, findet auch kaum noch Unterricht statt. An der zentralen Finanzuniversität wurde ebenfalls der Betrieb eingestellt, nachdem ein Professor an SARS verstorben ist. Nachrichten wie diese eilen per Internet durch das Land und lähmen das öffentliche Leben.

Währenddessen mehren sich die Hinweise dafür, dass auch Chinas bislang boomende Volkswirtschaft in Mitleidenschaft gezogen werden könnte, wenn sich die Epidemie hinzieht. Der auf 7 % veranschlagte Zuwachs beim Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr könne dann durchaus einen halben Prozentpunkt niedriger ausfallen, prognostiziert Andy Xie, China-Experte bei Morgan Stanley in Hongkong. Dennoch warnen einige Ökonomen, die Folgen zu übertreiben. "Der Tourismus wird hart getroffen, keine Frage", sagt Andy Rothman, China-Stratege bei Credit Lyonnais, "aber der ist nicht die größte Industrie im Land." Tatsächlich trägt die Branche trotz explosionsartiger Wachstumsraten nur knapp 3 % zu Chinas Bruttoinlandsproduktes bei, im vergangenen Jahr verdiente sie umgerechnet 4 Mrd. Euro.

Trotz beschwichtigender Worte umsichtiger Ökonomen läuten inzwischen die Alarmglocken. So seien bei der wichtigen Handelsmesse in Kanton bis zur Halbzeit lediglich Exportverträge im Volumen von 2,2 Mrd. Dollar abgeschlossen worden. Im vergangenen Jahr sollen während der achttägigen Veranstaltung Abschlüsse über 16,8 Mrd. Dollar getätigt worden sein.

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