Fast die Hälfte der Stellen wird gestrichen – Konzentration auf Kerngeschäft im Großraum Berlin
Bankgesellschaft schaltet einen Gang zurück

Hans-Jörg Vetter, seit Dezember Vorstandsvorsitzender der Bankgesellschaft Berlin, will aus dem krisengeschüttelten Institut eine "ordentliche Bank" machen. Die Basis dafür sei geschaffen, sagte er dem Handelsblatt. Mit neuen Produkten für die rund 3,5 Millionen Kunden will die verschlankte Bank 2003 wieder profitabel sein.

 

BERLIN. Ein halbes Jahr sitzt der Schwabe Hans-Jörg Vetter an der Spitze der Bankgesellschaft Berlin (BGB). Am Dienstag wird er die Bilanz des Instituts präsentieren - das tiefrote Ergebnis einer Bank, die in den neunziger Jahren wie größenwahnsinnig zu den Frankfurter Großbanken aufstrebte. Durch Missmanagement geriet sie an den Rand der Pleite, verpulverte sämtliche stillen Reserven und kämpft jetzt ums Überleben.

Vetter hat die schwierige Aufgabe, die Hauptstadt-Bank zu retten. In seinem ersten Interview seit Amtsantritt sagte er dem Handelsblatt: "Die Basis für einen Neubeginn ist geschaffen." Im nächsten Jahr will er endlich wieder ein "kleines positives Ergebnis" erwirtschaften, wenn sich die Konjunktur nicht weiter abkühlt. Die Eigenkapitalquote der Bankgesellschaft sei wieder auf über 11 % gestiegen, nachdem sie "weit unter" die Mindestforderung der Aufseher von 8 % gerutscht war. Mit der "Basis" meinte er zum einen die im Abgeordnetenhaus jüngst durchgeboxte "Risikoabschirmung" aus dem Immobilienbereich, die die Bank um Milliardenbeträge entlastet und vor der Schließung durch die Bankenaufsicht bewahrt.

Zweitens bezog er sich auf die Verständigung mit den Mitarbeitern auf ein Sparprogramm, mit dem die Kosten um 450 Mill. Euro eingedampft werden sollen. Vetter sagte, die Identifikation der Angestellten mit der Bank habe ihn überrascht, ebenso wie ihr Engagement. "Die Mitarbeiter waren großartig." Alle Beschäftigten üben Gehaltsverzicht: Die Tarifangestellten werden in den nächsten Jahren keinerlei Boni erhalten, auch das 14. Monatsgehalt fällt weg, während die außertariflichen Bezüge um 8 % gekürzt wurden. Vetter: "Ende dieses Jahres werden wir bereits annähernd 50 % der geplanten Einsparungen erreichen."

Besonderes Sparpotenzial hat er im Backoffice entdeckt. Bisher arbeiten die drei Töchter-Institute komplett parallel. Eine Zusammenführung etwa des EDV-Bereichs, mit der Synergien genutzt werden könnten, habe es bisher nicht gegeben. Bis 2004 sollen die Töchter zusammengewachsen sein.

Ein weiterer Punkt ist die Selbstbeschränkung auf das Kerngeschäft: Die Beteiligungen in Polen, in Tschechien sowie die Tochter Allbank sollen schnellstmöglich verkauft werden. Nur die Frage, ob sich die BGB auch von der Berliner Weberbank trennt, ist noch nicht entschieden, wie der BGB-Chef sagte.

Die Großbankpläne hat der Schwabe endgültig ad acta gelegt. "Wir haben nur eine Zukunft als starke Regionalbank mit einem Retailnetz für Privat- und Firmenkunden." Das Großkundengeschäft soll "schrittweise abgeschmolzen" werden. Kunden habe die Bank durch die schlagzeilenträchtige Krise kaum verloren: Nur 3 % der Einlagen bei der BGB seien aufgelöst worden. Vetter räumt aber ein, einige der Kunden mit großem Vermögen hätten sich verabschiedet, es seien aber unter 10 %.

Die Bank, so Vetter, verfüge mit den Filialnetzen der Sparkasse und der Berliner Bank über einen teilweise über 50 % liegenden Marktanteil in der Region. 2,5 Mill. Kunden an Havel und Spree sowie 1 Mill. Kunden im übrigen Deutschland böten ein Geschäftspotenzial, dass bei weitem noch nicht ausgeschöpft sei. Von den 270 Bankstellen würden im Rahmen des Sparprogramms nur 45 geschlossen. Nach dem Sommer plane die Bank eine Offensive mit neuen Produkten.

Zurückhaltung übt das BGB-Managements dagegen im Immobilien- und Hypothekenbereich, der das noch staatlich kontrollierte Institut fast erdrückt hätte. Vetter, der sich in diesem Sektor auf Grund früherer Tätigkeiten gut auskennt, will die Risiken neu gewichten, indem er vorerst schwerpunktmäßig in den alten Bundesländern investiert. Bisher liegt das Schwergewicht auf Ostdeutschland. Künftig gebe es auch keine eigene Bauträgertätigkeit mehr, sondern die Bank werde sich auf die Finanzierung ausgewählter Investoren beschränken. Die private Baufinanzierung soll im Großraum Berlin ausgebaut werden.Vetter ist auch optimistisch, im Bereich der Gewerbeimmobilien-Finanzierung neue Marktanteile erobern zu können.

Zwei Verfahren der Brüsseler EU-Kommission stehen der Gesundung freilich noch im Weg. Zum einen die Prüfung der "Risikoabschirmung" durch das Land Berlin und zweitens ein Beihilfeverfahren wegen der Integration des Berliner Wohnungsbauvermögens in die Landesbank 1993. Im ersten Punkt ist Vetter optimistisch, grünes Licht aus Brüssel zu bekommen: In dem zweiten Punkt sieht Vetter allenfalls Zahlungen auf die BGB zukommen, "die wir verkraften können."

Wichtigste Voraussetzung einer klaren Zukunftsperspektive ist laut Vetter aber der Abschluss der Privatisierung: Vier Bewerbergruppen wollen die BGB übernehmen. Als Banker sieht der Vorstandschef dabei vor allem eine Priorität: "Wenn schon, dann sollte der Verkauf möglichst schnell über die Bühne gehen." Als Treuhänder des Landes Berlin sieht Vetter auch, dass die Zeit für einen Verkauf der Bank im Moment schwierig ist. Aus heutiger Sicht sei die Bank aber alleine überlebensfähig.

Von HERMANN-JOSEF KNIPPER, VANESSA LIERTZ, Handelsblatt

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