Fast ein Drittel mehr Neugeschäft
Vom Aktien-Desaster können einige Lebensversicherer profitieren

Die schlechte Verfassung der Kapitalmärkte bringt den Lebensversicherern nicht nur Gegenwind, sondern auch Windschatten. So fahren trotz der absehbaren erneuten Kürzung der Verzinsung des Sparanteils in der Branche sowie möglicher Schieflagen einige Unternehmen hohes Neugeschäft ein.

vwd KÖLN. Vom Marktführer Allianz Lebensversicherungs-AG, Stuttgart, etwa wird ein Zuwachs von fast einem Drittel berichtet. Auch bei anderen, wie etwa der R+V Versicherung AG, Wiesbaden, läuft die Akquise völlig normal. R+V-Vorstandsvorsitzender Jürgen Förterer glaubt, dass sich die langfristig angelegte Lebensversicherung gerade in Zeiten wie diesen bewähre.

Im Bestand haben die Verträge eine durchschnittliche Laufzeit zwischen 14 und 15 Jahren, da brauche man nicht monatlich auf Aktienbewegungen zu reagieren, meint Förterer, der im Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) den Kapitalanlagenausschuss leitet. Dennoch sind es gerade die Versicherer, die größte Investorengruppe überhaupt, die derzeit auf den Aktienmärkten in großem Stile verkaufen. So räumt denn auch Förterer ein, dass die Aktienquote inzwischen auf zwischen zwölf und 15 Prozent gerutscht ist. Dabei klagte die Branche vor zwei Jahren noch, dass die gesetzliche Beschränkung des Aktienanteils auf 30 Prozent des Anlagevermögens ein zu enges Korsett sei.

Die Talfahrt der Aktien setzt die Unternehmen unter Druck. Nach aktuellen Berechnungen der WestLB Panmure besitzen die Lebensversicherer nämlich im Durchschnitt keine stillen Reserven mehr. Schlimmer noch: Mit der für den Abschluss 2001 erstmals möglichen Abkehr vom strengen Niederstwertprinzip bei der Bilanzierung von Wertpapieren bauten einige Häuser stille Lasten auf, die bei einer längeren Baisse noch verarbeitet werden müssen. Das könnte zu weiteren Schieflagen führen, so WestLB-Panmure-Analyst Carsten Zielke, der zwei Kandidaten im Auge hat. Die unter Zwangsverwaltung gestellte Detmolder Familienfürsorge sei erst der Anfang der Konsolidierung.

Damit mögliche Wackelkandidaten die Branche nicht in Verruf bringen, üben sich die Lebensversicherer einstweilen im Durchspielen von Übernahmeszenarien. So werde die Branche Verträge von Unternehmen, die in eine Schieflage geraten sind, für den Kunden weiterführen und die Garantien einhalten, kündigt Förterer an. Einen Unternehmensschutz werde es hingegen nicht geben.

Trotz solcher Maßnahmen bleibt die potenzielle Kundschaft über drohende Senkung der Überschussbeteiligung von durchschnittlich sechs Prozent für 2002 verunsichert. Da rund 80 Prozent der Anlagen zinstragende Papiere seien, die gegenwärtig fünf bis sechs Prozent abwürfen, lasse sich der Sparanteil allein daraus mit vier bis viereinhalb Prozent laufender Erträge verzinsen, rechnet Förterer vor. Im Durchschnitt würden nur 3,5 Prozent erwirtschaftet, meint hingegen Reiner Will, Geschäftsführer der Assekurata Aranz Rating GmbH. -Agentur

Im Lager der öffentlichen Versicherer gibt man sich noch kritischer und rechnet mit der so genannten Gesamtperformance. Diese Kennziffer berücksichtigt neben der Verzinsung die Veränderung der Bewertungsreserven und ist nach Einschätzung von Günter Schlatter, Vorstandsvorsitzender der Rheinischen Provinzial Versicherungen, seit Jahresbeginn eindeutig negativ. Wieviel Zinsen ein Kunde also oberhalb der ohnehin garantierten 3,25 bzw. vier Prozent erhält, hängt im Wesentlichen von den stillen Reserven seines Vertragspartners und der Höhe der freien Rückstellung für Beitragsrückerstattung ab.

In der ersten Jahreshälfte war am Kapitalmarkt eigentlich nichts zu verdienen. Jetzt klammert sich die Branche an dessen weitere Entwicklung. Doch selbst große Häuser wie die AMB halten Kürzungen in der Branche inzwischen für unvermeidlich. Börsennotierte Unternehmen wie Allianz, AMB, Ergo und Münchener Rück im Besonderen besäßen freilich noch Bewertungsreserven, meint Zielke. Die Allianz Leben verkündet, ihre Reserven lägen zur Zeit nicht weit vom langfristigen Durchschnitt von zehn bis zwölf Prozent.

Vor diesem Hintergrund betonen die Pressesprecher der Allianz Leben, dass die für 2002 auf 6,8 Prozent gekürzte Überschussbeteiligung für 2003 gehalten wird, und die Allianz-Vertreter werben weiterhin mit entsprechenden Beispielrechnungen.

Bei Allianz-Chef Henning Schulte-Noelle hört sich dies indes anders an: Bei einem weiteren Börsenverfall werde eine Senkung der Gewinnbeteiligung geprüft, heißt es in München. Die Suche der Kunden nach Unternehmen mit relativ alten Aktienbeständen und somit hohen Bewertungsreserven sowie der Übergang von Verträgen im Zuge von Schieflagen dürften die Starken des Marktes letztlich weiter kräftigen.

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