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Fasten geht auch online

Die Aktion "Fasten online" will User dafür gewinnen, ihre Zeit im Web sinnvoll einzusetzen. Ein sinnloses Vorhaben, das die Betreiber selber keine 40 Tage durchhalten.

"Während der Fastenzeit sind die Mädchen an den Abenden meistens zu Hause oder im Nachbarhaus, wo sie nähen, stricken oder andere Handarbeiten verrichten. Die Burschen kommen in einem Haus oder im Gasthaus zum Kartenspiel zusammen. In der Fastenzeit wird am Mittwoch und Freitag kein Fleisch gegessen. Allabendlich zum Gebetläuten wird in den Häusern rund um den Tisch kniend der schmerzhafte Rosenkranz gebetet. Dies dauert bis zum Gründonnerstag. In der Fastenzeit ist jede Unterhaltung eingestellt." Soweit eine historische Beschreibung von Pater Josef Graisy, Chronist des Örtchens Wallern im Burgenland, die uns mittlerweile so altbacken vorkommt, dass wir lachen müssen.

Aber das waren doch noch Zeiten. Unterhaltung verboten. Da wurde noch bewusst abgeschaltet.

Zustände, die man sich im hektischen New Economy-Alltag, speziell im Geschäft mit Content-Aufbau und Syndikation kaum noch vorstellen kann - oder gar nicht mehr vorstellen darf? Informations-Overkill - getragen von Handy, Pager, Handheld, permanenter Online-Anbindung, Fax, mindestens 20 SMS und 80 E-Mails täglich - prägt jetzt die Routine der Burschen und Mädchen.

Die allein durch das Internet omnipräsente Information über alles und jeden als neues Götzenbild? Und wer könnte es sich noch leisten dem abzuschwören? Nicht mitzubekommen, wie der Neue Markt mal wieder abschmiert, wie Ron Sommer zurücktritt, wie der Microsoft-Konzern zerschlagen wird, wie der Dax die 10 000er-Marke überschreitet, wie die erste Großbank durch überzogene UMTS-Kreditvergabe ins Straucheln gerät? Eine traumhafte Vorstellung für Übersättigte, ein Albtraum für Informations-Junkies und Zahlenfresser.

Auch im Burgenland dürften sich die Zeiten geändert haben, den lieben Pater deckt (seit 1983) schon der kühle Rasen, die Burschen und Mädchen sind jetzt vermutlich mit anderen Dingen beschäftigt. Wenn sie mal abschalten, dann wohl mit Hilfe von Playstation, After-Work-Parties und Big Brother.

Aber die Fastenzeit gibt es immer noch. In fast allen Glaubensrichtungen. Und Fasten geht jetzt auch online.

Einen zarten Anfang dieser Initiative probt www.texxas.de - zusammen mit Bruder Paulus. Der ist Schirmherr und aktiver Part der Aktion "Fasten Online" und einer der bekanntesten Geistlichen im Internet. Er lebt mit zehn Brüdern mitten in Frankfurt am Main im Kapuziner-Kloster Liebfrauen. Auf der Website des Klosters versucht er das Internet für den Glauben zu nutzen. Er entzieht sich der täglichen Informationsflut bewusst nicht und kommentiert täglich die Schlagzeile der "Bild"-Zeitung in einer Kurzpredigt, schickt besinnliche Tages-Losungen über SMS in die Welt und chattet jeden Sonntag (22 bis 23 Uhr).

Was tun die Online-Programzeitschrift texxas und der Bruder da? Sie predigen, zu fasten. Für nicht Eingeweihte: Am Aschermittwoch begann die Fastenzeit. 40 Tage lang üben Menschen Verzicht, versuchen sich auf Wesentliches zu besinnen.

Und das nun auch noch im Internet. Die Aktion "Fasten online" will User dafür gewinnen, ihre Zeit im Web sinnvoll einzusetzen. Auf aufreizende Pin-ups, "Klick mich" rufende Brüste, auf den verführerischsten - und mit deutlichem Abstand am häufigsten geklickten Bereich des World Wide Web zu verzichten und sich zu besinnen: Dem Geist und anderen Menschen Gutes tun. Verzicht und Einkehr praktizieren in genau jenem Medium, in dem die Entscheidung zwischen Sinn und Versuchung nur einen Klick voneinander entfernt liegt. Wem das nicht genug ist, der kann auch sein bisheriges sinnloses Surfverhalten bei Bruder Paulus "beichten" (br.paulus@kapuziner.org).

Für die Aktion werden nun natürlich noch Mitstreiter gesucht, die sich per freiwilliger Selbstverpflichtung bereit erklären, 40 Tage lang auf Erotik im Web zu verzichten.

Ein Verzicht, der offenbar schwer fällt. Selbst die Betreiber der Aktion zeigen nur begrenztes Durchhaltevermögen. Beginnend mit Aschermittwoch sperrte texxas.de zwar seine Erotik-Rubrik, verzichtete so bewusst auf Traffic, um zum Mitmachen anzuregen, - aber die ganze Fastenzeit über wollte man das dann doch nicht durchhalten, die Sperre lief nur eine Woche. Dann durften auch die prallen Brüste wieder angeklickt werden.

Wer im hektischen Informationszeitalter noch die Zeit findet, sich nur kurz zu besinnen, was Fasten wirklich bedeutet, wird bei der Aktion ohnehin kaum noch mitmachen können. Weil er vorher konsequenterweise schon ganz abgeschaltet hat.

Frank G. Heide
Frank G. Heide
Handelsblatt / Redakteur Auto + Motor
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