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Faule Prime, die immer gern herumliegen

Jürgen Seidel liebt die Kunst der Berechnungen und erzählt einen spannenden Entwicklungsroman.

Als Kind, wenn sie ganz leise war, habe sie schon die Zahlen sprechen hören, flüstert die 15-jährige Chiara Lisa Morelli ihrem Cousin Toto ins Ohr und gibt damit das Geheimnis ihres Lebens preis. Sie, die beste Kopfrechnerin ihrer Zeit, kennt sie alle: die arglosen und die gefährlichen Zahlen, die nachgiebigen, welche eine Drei oder eine Sieben enthalten. Und natürlich die Unteilbaren, die Prime, die immer gerne für sich sind, faul herumliegen und den Mund nicht aufbekommen. Aber mit Chiara, die um das Jahr 1860 als Waise in das kalte Berlin kommt, reden gerade und ungerade, helle und dunkle Zahlen und klagen dem jungen Mädchen ihr Leid: Sie seien für die Menschen nichts als Mengen und Größen, sagen sie. Die Menschen, nicht sie selbst, die Zahlen, seien kalt und fühllos.

Jürgen Seidels neuer Roman "Die Kopfrechnerin" ist mehr als der ungewöhnliche Perspektivwechsel einer Alice im Wunderland. Die beunruhigende Nähe anderer Welten erlebt der Leser ebenso intensiv mit wie Chiara selbst. Die Welt der Zahlen ist für sie ein phantastisches Reich, aber durch den Erstickungstod ihrer Eltern kommt sie völlig durcheinander. Angeblich war der Ofen defekt. Doch Chiara weiß: Ihr Vater, ebenso begabt, hatte an einer Chiffriermaschine gearbeitet. Und die junge Italienerin ahnt, dass es eine andere Todesursache gibt. Wirklich drohen bereits dunkle Machenschaften aus dem fernen Berlin. Chiara wird nach Deutschland in das Haus ihres Onkels geholt, eines merkwürdigen Professors, der im Auftrag höchster Stellen an geheimen mathematischen Projekten zu arbeiten scheint. Chiara soll für ihn rechnen. Doch was sie zunächst gerne tut, entwickelt sich zum Albtraum: Ihr Cousin wird gefoltert, sie selbst in einem Zahlenzimmer eingesperrt - mit Billigung der Frau des Professors -, und schließlich soll sie dem galanten Onkel ihre Haut hinhalten, um sich das Zeichen ihrer Treue mit dem Eisen einbrennen zu lassen.

Jürgen Seidel ist höchst Seltenes, fast Perfektes gelungen: Er hat ein ideenstarkes, sprachgewaltiges Buch geschrieben aus der Zeit, als die Menschen an die Wunder der Technik zu glauben begannen. Es überträgt die ganze Unsicherheit gegenüber der Technik und der Kunst der Berechnungen auf den Leser. Er hat zugleich auch den Entwicklungsroman eines hoch begabten Mädchens geschaffen, der den Leser zum Komplizen ihrer Leidenschaften und Ängste werden lässt.

Buchtipp:
Jürgen Seidel: Die Kopfrechnerin. Beltz & Gelberg, Weinheim 2001, 332 S., 28 DM

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