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Faust im Rausch: Bochumer Berlioz-Oper gefeiertDPA-Datum: 2004-07-12 08:47:46

Bochum (dpa) - Der gute, alte Doktor Faust ist auf dem Drogen-Trip. Erst Alkohol, und dann verführt ihn der Teufel auch noch zur Opium-Pfeife. Spätestens dann schwinden Faust die Sinne, er vernimmt schwebende Chorgesänge, sieht irrlichternde Geister und tanzende Sylphen.

Bochum (dpa) - Der gute, alte Doktor Faust ist auf dem Drogen-Trip. Erst Alkohol, und dann verführt ihn der Teufel auch noch zur Opium-Pfeife. Spätestens dann schwinden Faust die Sinne, er vernimmt schwebende Chorgesänge, sieht irrlichternde Geister und tanzende Sylphen.

Nackte Frauen schwimmen in blauem Wasser, dazwischen erscheint wie eine Vision sein menschgewordener Traum - Marguerite. Und dazu eine Musik wie ein Rausch: «La Damnation de Faust» von Hector Berlioz - unter der Leitung von Sylvain Cambreling - wurde von 1200 Menschen im Rahmen der Ruhrtriennale in der Bochumer Jahrhunderthalle begeistert gefeiert.

Als Bühnenaufführung galt die dramatische Legende Berlioz' lange Zeit als kaum denkbar - in der Vorstellung wirkt das Werk lebendiger als in der Vermittlung. Doch den katalanischen Theaterzauberern von La Fura dels Baus gelingt eine ganz eigene Lesart, die den locker gefügten Bilderbogen des französischen Komponisten mühelos in die moderne Zeit hinüberrettet. Dies mit Mitteln, die teils der Videoclip-Ästhetik der Popmusik entlehnt sind und dennoch der Raserei in der Musik zu entsprechen scheinen. Gezeigt wird eine Seelenwanderung, während der der depressive Faust zu sich selbst findet, aber auch zu seiner Schattenseite Mephistopheles.

Im Mittelpunkt des Riesenraumes der Jahrhunderthalle steht ein hoch aufragender Zylinder, nicht zufällig an die Form eines Gasometers angelehnt. Denn die Aufführung sei ein «Gruß und eine Hommage an das Ruhrgebiet», sagt der Intendant des ersten Ruhrtriennale-Zyklus, Gerard Mortier. Dieser Gasometer dient als Video-Projektionsfläche, sein Inneres aber gleichzeitig als eine Art Schmelzofen: Die alte Bochumer Industriehalle wird zur surrealen Fabrik für diabolische Machenschaften, gleichzeitig aber auch zu einer - im Wortsinn - Traumfabrik: Oper als Drogenrausch.

Dramatischer Mittelpunkt der ausverkauften Premiere war der amerikanische Tenor Paul Groves in der Rolle des Faust - ein Stilist von hohen Graden, dessen intimer Zugang zur Musik des Franzosen an den großen schwedischen Tenor Nicolai Gedda erinnert. Allerdings machen Groves die hohen und höchsten Töne der Partie stärker zu schaffen als dem Schweden, der auch mehr Schmelz besaß. Dennoch eine überragende Interpretation.

Die gelingt auch dem in Jamaica geborenen Bassbariton Sir Willard White in der Rolle des teuflischen Gegenspielers Mephisto: Geradezu bedrohlich wirkt der Darsteller wegen seiner beeindruckenden Bühnenpräsenz, wenn auch der eher knorrigen Stimme im Flohlied ein wenig die Leichtigkeit fehlt. Dafür hat «Voici des roses» den verlockenden Zauber eines schweren, betäubenden Parfüms. Energisch und temperamentvoll sang die schwedische Mezzosopranistin Charlotte Hellekant die Rolle der Marguerite. Alle Schauer der Romantik entlockte das SWR Sinfonieorchester der Partitur.

Und manchmal mehr: Einem Ausbruch gleich kommt das dramatische Finale mit der Höllenfahrt von Faust und Mephisto. Der Video-Gasometer entbrennt vollends - mit der Großansicht eines immer schneller und unbarmherzig arbeitenden Kolbens in einem Motor. Und Cambreling forciert heftig das Tempo, betont damit das fatale Ende für Faust. Um so entrückter und schwebender dann die Erlösung Marguerites - der Fantast und Visionär Berlioz wäre wohl beeindruckt.

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