Favoritensterben
Europa und Südamerika droht WM-Fiasko

Gleich vier der sieben Weltmeister drohen bereits nach den Gruppenspielen auf der Strecke zu bleiben. Besonders für Titelverteidiger Frankreich wird es nach der Auftakt-Niederlage und einem Unentschieden eng. Der WM 2002 droht das größte Favoritensterben ihrer Geschichte.

dpa YOKOHAMA. Im Fernen Osten ist für die Fußball- Großmächte aus Europa und Südamerika das WM-Ende ganz nah: Gleich vier der sieben Weltmeister drohen bereits nach den Gruppenspielen, die von Dienstag an in die entscheidende Phase gehen, auf der Strecke zu bleiben. Für Deutschland wäre es der erste Vorrunden-K.o. der Geschichte, für Argentinien das erste Gruppen-Aus seit 1962, für Italien das erste schnelle Ende seit 1974. Frankreich würde der erste Titelverteidiger seit 1966 sein, der im folgenden Turnier schon in der Auftaktrunde scheitert.

Doch es ist weniger eine plötzliche Stärke der so genannten Schwachen, sondern die Schwäche der vermeintlich Starken, die in Südkorea und Japan die Fußball-Hierarchie ins Wanken bringt. Es ist, so der einhellige Tenor der Experten, der Preis für die unbarmherzige Terminhatz, der die Profis in Europa ausgesetzt sind.

«Das ist alles, nur kein Fest. Es gibt keinen Fußball, die Spiele kann man sich nicht ansehen», fällte Argentiniens Trainer-Idol Cesar Luis Menotti bereits ein vernichtendes Urteil. Und Franz Beckenbauer schlug in die gleiche Kerbe: "Die besten Spieler sind zu der WM in einem unannehmbaren Zustand angereist. Das drückt nicht nur das Niveau der WM, sondern auch das Gesamtniveau des Fußballs."

In anderen Sportarten ist die Weltmeisterschaft der Höhepunkt einer Saison oder einer Dekade, auf den sich die Athleten gezielt vorbereiten. Nicht so bei König Fußball. Nach bis zu 70 Spielen in nationaler Liga, Pokal und Champions League mussten die besten Spieler der Welt praktisch ohne Vorbereitung und mit leerem Akku zur Saisonverlängerung nach Asien.

Deshalb geben jene, die eigentlich dieser WM den Stempel aufdrücken sollten, nur ein Bild des Jammers ab. Ob der Portugiese Luis Figo, der Argentinier Juan Sebastian Veron oder Deutschlands Hoffnungsträger Michael Ballack: sie schleppen sich allesamt ausgebrannt über den Platz - Superstar Zinedine Zidane bisher nicht einmal das. Kein Wunder. Nur noch Torhüter sind in der Lage, ohne ernsthaften Substanzverlust eine solche Mammutsaison zu überstehen.

In Asien aber treffen die Spitzenspieler der europäischen Ligen auf Kontrahenten, die zwar nicht ihre fußballerische Klasse besitzen, sich aber für die Titelkämpfe präpariert haben. Die Gastgeber Südkorea und Japan haben sich unter ihren europäischen Trainern Guus Hiddink und Philippe Troussier monatelang auf die WM vorbereitet und sind in dementsprechendem physischen Zustand. Gleiches gilt für die USA, deren Coach Bruce Arena sein Personal ebenfalls in einer Flut von Länderspielen gesichtet hat. Und es ist auch kein Zufall, dass die mittelamerikanischen Teams aus Mexiko und Costa-Rica nach zwei Spieltagen noch ungeschlagen sind.

Für die Europäer und die Südamerikaner indes droht in Korea und im Land der aufgehenden Sonne ein böses Erwachen. So paradox es klingt: Wohl dem, der sich zum richtigen Zeitpunkt verletzt hat, wie beispielsweise David Beckham. "Kann sein, dass viele Spieler müde sind. Für mich gilt das nicht, denn ich hatte lange genug Pause", sagte der rechtzeitig von einem Mittelfußbruch genesene Kapitän der englischen Mannschaft. Zwei Monate hatte "Becks" Zeit, sich auf die WM zu konzentrieren - und ist wohl deshalb einer der wenigen Stars, die den Erwartungen gerecht werden.

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