Favoritensturz
Experten rätseln über Armstrongs wahre Stärke

Die Schlappe des Texaners wird Ullrich im selbst gewählten Exil in den USA vernommen haben und sich besonders ärgern, dass er nicht dabei ist.

HB LORIENT. Die Koordinaten der Tour de France haben sich verschoben. Lance Armstrong, der am Montag sein erstes großes Tour-Zeitfahren seit dem Beginn seiner Regentschaft 1999 verloren hat, ist nicht mehr unantastbar. "Zweifel sind erlaubt" schrieb die französische Sportzeitung "L'Equipe" am Dienstag. Der vierte Toursieg nacheinander wird für den Texaner offensichtlich alles andere als der erwartete Spaziergang. Die Konkurrenz ist aufgewacht und traut sich aufzumucken.

"Battu, Battu" ("Geschlagen, Geschlagen") schrie der Sprecher im Zielbereich in Lorient, als Armstrong nach 52 km elf Sekunden langsamer als Santiago Botero aus Kolumbien über die Ziellinie fuhr. Ähnlich aufgeregt wirkte der Ansager 1989, als er auf den Champs Elysees die Niederlage des Franzosen Laurent Fignons und den Sensationssieg des Amerikaners Greg LeMond - mit acht Sekunden Vorsprung - hinausschrie. Der große Verlierer des Montags sah sein erstes Zeichen der Schwäche allerdings weniger dramatisch. "Ich habe ein Zeitfahren verloren, aber das raubt mir nicht den Schlaf. Was sind 52 Kilometer bei der Tour? Es heißt immer, auf den ersten zehn Tour-Tagen kann man die Tour verlieren. Sie sind vorbei und ich bin noch am Leben", sagte Armstrong am Abend im Hotel. Unmittelbar nach dem Rennen hatte er sich unweit vom Ziel sofort in den Mannschaftswagen zurückgezogen. Team-Fahrzeuge hatten ihm wie in einer Wagenburg zusätzlichen Schutz gegeben. Die dritte diesjährige Niederlage in einem großen Zeitfahren (zwei Mal gegen Botero, ein Mal gegen Galdeano) wollte Armstrong zunächst mit sich alleine abmachen.

Die erste von zwei superschweren Pyrenäen-Etappen am Donnerstag mit der Bergankunft in La Mongie (1715 m) wird zum Wegweiser für die Tour werden. Der US-Postal-Teamchef, früher Fahrer im spanischen Once-Team unter Manolo Saiz, der zur Zeit mit dem Träger des Gelben Trikots, Igor Gonzalez de Galdeano, den Takt angibt, prophezeit die Rückkehr des "alten" Armstrong. "Ob mit oder ohne Gelbem Trikot - Lance hat in den Bergen immer angegriffen. Bisher haben wir in Sekunden gerechnet - das wird sich ändern", sagte Johan Bruyneel der Konkurrenz schwere Stunden voraus. Die Zahl der aussichtsreichen Widersacher Armstrongs hat sich im Vergleich zu den Vorjahren vergrößert. Durch sein überraschendes Schwächeln wittern immer mehr Fahrer ihre Chance. "In den Bergen wird es wie im vergangenen Giro noch große Überraschungen geben", prophezeite Telekom-Teamchef Olaf Ludwig. Armstrong und seine Mannschaft müssen es in den Pyrenäen mit halb Spanien aufnehmen: Once kämpft an der Spitze mit Joseba Beloki und Galdeano, der im Zeitfahren fast an die Eleganz Miguel Indurains herankam. Kelme schickt aussichtsreich Botero ("Es ist für einen Kolumbianer immer etwas Besonderes, einen Amerikaner zu besiegen") und Oscar Sevilla in die Schlacht. Dahinter lauern die Außenseiter.

Kelme und die Once-Mannschaft von Jörg Jaksche haben die Trümpfe in der Hand. "Die Pyrenäen sind die Berge der Spanier. Wir sind jetzt in einer privilegierten Position. Armstrong hat zum ersten Mal seit drei Jahren eine Schwäche gezeigt", machte sich am Ruhetag der als starker Bergfahrer bekannte Beloki (57 Sekunden hinter Armstrong im Gesamtklassement) Mut. Der zurückhaltende Deutschland-Tour-Sieger Galdeano (26 Sekunden vor Armstrong Spitzenreiter) lässt keinen Zweifel, für wen er ab Donnerstag fahren wird: "Beloki ist und bleibt unser Leader." Botero (1:29 hinter Armstrong) will auf das Podium in Paris: "Ich habe es jetzt selbst in den Händen."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%