FDP enttäuscht - PDS ist raus
Rot-Grün kann weiter regieren

Dramatischer Showdown: Nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen während des gesamten Wahlabends hat es Rot-Grün am Ende doch geschafft. Die Grünen wurden dabei zum Retter der Koalition, die SPD fing die Union auf dem Zielstrich als stärkste Fraktion ab.

DÜSSELDORF. Nach einem beispiellosen Foto-Finish bei der Bundestagswahl hat Rot-Grün eine hauchdünne Mehrheit ins Ziel gerettet. Die SPD unter Bundeskanzler Gerhard Schröder musste deutliche Stimmenverluste hinnehmen, die nur teilweise durch das gute Ergebnis der Grünen kompensiert wurden. Die Union konnte erwartungsgemäß deutlich zulegen. Sie verfehlte aber wegen des enttäuschenden Abschneidens der FDP den angestrebten Regierungswechsel.

SPD und Grüne erreichten zusammen 306 Bundestagsmandate und erzielten damit einen Vorsprung von elf Sitzen vor Union und FDP, wie Bundeswahlleiter Johann Hahlen am Montagmorgen in Berlin mitteilte. Dem vorläufigen amtlichen Ergebnis zufolge wurde die SPD auf Grund von Überhangmandaten stärkste Fraktion im neuen Bundestag. Diese Mandate entstehen, wenn eine Partei in einem Bundesland mehr Direktmandate erzielt, als ihr nach dem Zweitstimmenanteil Sitze zustehen. Die PDS scheiterte an der Fünf-Prozent-Hürde und verpasste mit nur zwei Direktmandaten auch den Wiedereinzug ins Parlament in Gruppenstärke.

Die Union war nach den Zweitstimmen-Ergebnissen zunächst in den Hochrechnungen nach vier Jahren in der Opposition mit knappem Vorsprung vor der SPD wieder als stärkste Fraktion gesehen worden. Die Ergebnisse näherten sich jedoch am frühen Montagmorgen an. Nach amtlichen Angaben konnte die SPD in absoluten Zahlen die meisten Wählerstimmen auf sich vereinen, rund 9 000 mehr als CDU/CSU. Die Grünen erreichten ihr bestes Ergebnis seit ihrer Gründung als Bundespartei 1980 und glichen so die starken Verluste der SPD zum Teil aus.

Schröder und Fischer kündigen Koalitionsverhandlungen an

Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) und Grünen-Spitzenkandidat Joschka Fischer kündigten an, in den nächsten Tagen Koalitionsverhandlungen aufzunehmen. Er gehe fest von Koalitionsgesprächen aus, sagte Fischer bei einem gemeinsamen Auftritt mit Schröder in der SPD-Zentrale am Montagmorgen in Berlin. Beide hatten Schröder zufolge noch am Sonntagabend miteinander ihre weitere Zusammenarbeit besprochen. Schröder sagte, die Koalitionsverhandlungen zwischen SPD und Grünen würden "in fairem, partnerschaftlichen Geist" geführt.

Der Bundeskanzler unterstrich, Rot-Grün habe bei der Bundestagswahl am Ende "ein gutes Ergebnis hinbekommen". Jetzt aber stünden "schwierige Zeiten" bevor. "Wir werden das gemeinsam packen", fügte er hinzu.

Finanzmarktexperten und Volkswirte bewerteten den knappen Ausgang der Bundestagswahl in ersten Reaktionen äußerst negativ. Eine nur hauchdünne Mehrheit im kommenden Bundestag bringe zusätzliche Verunsicherung in das ohnehin schlechte Wirtschaftsklima in Deutschland. "Wir brauchen jetzt den Wechsel von der Staats- zur Marktwirtschaft", sagte Michael Rogowski, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI). Schwere Vorwürfe machte er den Liberalen: "Die FDP hat die Wende selbst versaut."

Stoiber hatte sich am Sonntagabend zunächst zum Sieger der Bundestagswahl erklärt - doch dann wendete sich das Blatt noch. Die Union legte nach dem vorläufigen amtlichen Ergebnis mit vier Prozentpunkten zwar deutlich gegenüber 1998 zu und landete bei 38,5 (1998: 35,2) Prozent. Doch zur stärksten Fraktion reichte es am Ende dennoch nicht. Denn auch die SPD erreichte 38,5 (1998: 40,9), erzielte jedoch mehr Überhangmandate als die Union.

Unerwartet gut schnitten die Grünen mit 8,6 (6,7) Prozent ab. Sie lagen sogar noch mehr als einen Prozentpunkt vor der FDP (7,4 Prozent/6,2), die in den Umfragen stärker eingeschätzt worden war. Die PDS (4,0 Prozent/5,1)verfehlte die Fünf-Prozent-Hürde und wird mit zwei Direktmandaten in den Bundestag einziehen. Dadurch verliert sie den Fraktionsstatus.

Aus diesem Ergebnis ergeben sich für die Sozialdemokraten und die Union jeweils 247 Sitze im neuen Bundestag, zu denen aber auf Grund von Überhangmandaten noch für die SPD vier weitere Sitze und für die Union ein Mandat hinzukamen. Damit erreichte die SPD 251 Mandate, die Union 248, die Grünen kamen auf 55 Sitze und die FDP auf 47.

1998 hatte die SPD alle 13 Überhangmandate gewonnen, davon eines in Hamburg und zwölf in Ostdeutschland. Inzwischen wurden die Wahlkreise neu zugeschnitten, was die Wahrscheinlichkeit von Überhangmandaten verringern sollte.

Umfragen vor der Wahl hatten die FDP erheblich stärker eingeschätzt. Offensichtlich haben die jüngsten Attacken von FDP-Bundesvize Jürgen Möllemann auf Israels Ministerpräsidenten Ariel Scharon und den Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Michel Friedman, das Abschneiden der Liberalen doch beeinflusst. Das Präsidium der Partei forderte Möllemann am Sonntag einstimmig zum Rücktritt auf.

Den Grünen half, dass sie mit Joschka Fischer einen Außenminister vorweisen können, dem die Deutschen in allen Umfragen große Kompetenz zuerkennen.

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