Fecht-Weltmeisterin Britta Heidemann
„Ich trage keine rosarote Brille“

Sie gilt als klug, ist sportlich erfolgreich, hat sich im Playboy ablichten lassen - und ist China-Expertin: Fecht-Weltmeisterin Britta Heidemann spricht im Handelsblatt-Interview über die Olympischen Spiele in Peking, die Menschenrechtsproblematik in China und ihr persönliches Engagement im Reich der Mitte.

Handelsblatt: Frau Heidemann, im Januar hat bei uns die schwäbische Firma Alberdingk Boley angerufen, mit der Bitte, Kontakt zu Ihnen herzustellen. Das Unternehmen sei an einer Kampagne mit Ihnen in China interessiert. Ist was draus geworden?

Britta Heidemann: Nein, die Anfrage kollidierte mit Bayer, die ja meinen Verein unterstützen.

Die Investition hätte sich gelohnt, wohl keine deutsche Sportlerin ist so oft in den Medien wie Sie, sieht man mal von Ihrer Kollegin Imke Duplitzer ab.

Das glaube ich auch. Vor allem für Unternehmen, die auf dem chinesischen Mark aktiv sind oder es werden wollen, bringe ich gute Voraussetzungen mit.

Wir Journalisten freuen uns über das Klischee, dass Sie China lieben und Imke Duplitzer Gegnerin der Spiele in Peking ist.

Das stimmt ja so nicht. Ich laufe nur nicht mit der rosaroten Brille durch China. Imke geht es um Tibet, mir geht es um die Gesamtsituation. Es ist in den vergangenen 30 Jahren so viel passiert in China. Damals hat China begonnen, sich zu öffnen, mit der Ping-Pong-Diplomatie. Das Land muss in Kontakt mit der Welt treten, und genau das passiert ja auch durch die Olympischen Spiele. Mal ganz davon abgesehen, dass allein aus Deutschland über 3 000 Unternehmen in China tätig sind. Öffnung heißt aber nicht nur, die Menschenrechte nicht zu verletzen. Europa muss natürlich kritisieren, aber das Land hat viele Probleme gleichzeitig zu lösen. Oft wird dabei vergessen, dass durch das Wirtschaftswunder viele Menschen der Armut entkommen sind. Mir ist eine differenzierte Sicht der Dinge wichtig. Das bleibt auch nach den Spielen so.

Der Diskuswerfer Zheng, der 1989 beide Beine verlor, darf nicht bei den Paralympics starten. Informationen über ihn wurden aus dem Internet entfernt. Öffnung ist etwas anderes.

Stimmt. China zieht sich aufgrund der Vorkommnisse wieder zurück. Im April hatte ich in all den Jahren zum ersten Mal Visa-Probleme. Ausländische Studenten werden plötzlich ausgewiesen. Genau das Gegenteil, von dem was man mit der offenen Kritik erreichen wollte, ist also eingetreten. Die Menschen in China stehen wieder hinter der Regierung und verteidigen sogar die Aufrufe zu Wirtschaftsboykotten.

Hinschauen und Differenzieren, fordern Sie immer wieder. Was soll so eurozentrisch an unserer Sichtweise sein?

Am Anfang sind wir nur für die Rechte der Chinesen eingetreten, dann kam auf einmal Tibet. Als ob es diese Frage nicht schon viel länger geben würde. Jetzt ist es in Mode, Tibet zu unterstützen und alle Chinesen sind böse, auch die Armen. Das ist mir zu kurz gesprungen.

In der Öffentlichkeit lebt es sich leichter als Vorbild, wenn man protestiert oder boykottiert. Viele Sportler wissen aber nicht, wie sie damit umgehen sollen.

Es lastet extremer Druck auf uns Sportlern, denn wer kennt sich denn mit Tibet schon aus? Viele sind ratlos. Und manche machen halt mit. Ich verurteile das nicht, aber das muss jeder selbst entscheiden.

Anfang Mai hat Thomas Bach den Kriterienkatalog für die Olympioniken vorgelegt. Danach dürfen Sie sich positionieren, nur nicht an den Wettkampfstätten.

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