Fehlende Klarheit lässt zögern
Volkswirte sehen erst im Juni EZB-Zinssenkung

Die Europäische Zentralbank (EZB) wird nach Einschätzung von Volkswirten mit einer Zinssenkung noch bis Mai oder Juni abwarten. EZB-Ratsmitglied Ernst Welteke sagte, im Falle andauernder Unsicherheit wegen des Irak-Krieges werde die Notenbank in der kommenden Woche voraussichtlich die Leitzinsen nicht ändern.

Reuters LONDON/PARIS. Für die Ratssitzung in der kommenden Woche prognostizierten bei einer Reuters-Umfrage von 55 befragten Analysten 43 unveränderte Leitzinsen. "Die fehlende Klarheit wird die EZB im April zögern lassen", sagte Frederic Pretet von Credit Agricole in Paris. Allerdings gehen 49 Experten von einer geldpolitischen Lockerung im Mai oder Juni aus.

Die EZB hatte zuletzt im März ihren Schlüsselzins um 25 Basispunkte auf derzeit 2,50 Prozent gesenkt. Viele Volkswirte hatten diesen Schritt als zu zaghaft kritisiert.

Nur eine Minderheit erwartet am 3. April eine Zinssenkung

In der kommenden Woche erwarten lediglich zwölf der befragten Volkswirte eine Zinssenkung - davon rechnen zehn mit einem Schritt von 25 Basispunkten und einer mit 50 Basispunkten, ein Experte hatte sich nicht festgelegt. Über die grundsätzliche Notwendigkeit einer weiteren Zinssenkung herrscht aber bei den Experten weitgehend Einigkeit. "Das Ausbleiben einer wirtschaftlichen Verbesserung, sinkender Preisdruck und das steigende Deflationsrisiko in Ländern wie Deutschland wird die EZB dazu zwingen, erneut zu handeln", sagte Pretet.

Die EZB hatte in diesem Monat ihre Wachstumsprognose für die Euro-Zone in diesem Jahr auf 1,0 Prozent gesenkt, nachdem sie im Dezember noch mit einem Wachstum von 1,1 bis 2,1 Prozent gerechnet hatte. "Die Revision der Wachstumsprognose hätte eine größere Zinssenkung gerechtfertigt", sagte Julian von Landesberger von der Hypovereinsbank in München. "Die nächste Senkung um 25 Basispunkte ist nur eine Frage der Zeit."

Die Inflation in der Euro-Zone ist zwar immer noch über der EZB-Obergrenze von zwei Prozent, aber Volkswirte rechnen damit, dass sie in den kommenden Monaten vor allem wegen des gestiegenen Euro unter diese Schwelle sinken wird. Der Irak-Krieg bleibe freilich ein großer Unsicherheitsfaktor bei der Bewertung der Inflations- und Wachstumsaussichten.

Welteke: Bei Unsicherheit wohl keine Zinssenkung

Bundesbankpräsident Welteke räumte ein, dass der Irak-Krieg derzeit die Prognose der Konjunkturentwicklung erschwere und die EZB deshalb wohl mit einer Zinssenkung abwarten werde. "Die internationale Situation ist nach wie vor nicht klar zu erkennen. Wenn sich das nicht ändert, werden wir in Rom zwar die Lage analysieren, aber möglicherweise keine Entscheidung treffen", sagte Welteke am Mittwoch vor Journalisten in Frankfurt.

EZB-Vizepräsident Lucas Papademos sagte ebenfalls, dass die Notenbank noch nicht beurteilen kann, ob die jüngste Leitzinssenkung ausreicht. "Es ist unmöglich zu sagen, ob diese Senkung (im März) ausreichend war, abgesehen von künftigen Entwicklungen, die teilweise von der Geschwindigkeit abhängen, mit der sich das Verbrauchervertrauen und das Geschäftsklima verbessern", sagte Papademos der französischen Finanzzeitung "L'Agefi" (Mittwochausgabe). Ein schnelles Ende des Irak-Krieges würde die wirtschaftliche Unsicherheit vermindern, fügte er hinzu. Er bekräftigte, im Falle außergewöhnlicher Umstände werde die EZB zusätzliche Liquidität bereitstellen.

Duisenberg-Nachfolge rasch regeln

Die EU-Staats- und Regierungschefs sollten nach Ansicht Weltekes möglichst bald eine Entscheidung über die Nachfolge an der EZB-Spitze treffen. "Ich hoffe, dass die Staats- und Regierungschefs bald die richtige Entscheidung treffen. Das gilt nicht nur für die Position des Präsidenten, sondern auch für den zu besetzenden anderen Direktoriumsposten." Die EZB werde durch die Nachfolge-Diskussion belastet. EZB-Präsident Wim Duisenberg will am 9. Juli vorzeitig aus dem Amt scheiden. Sein potenzieller Nachfolger, der französische Notenbankpräsident Jean-Claude Trichet, muss sich derzeit aber noch wegen eines Bankenskandals vor Gericht verantworten. Das Urteil wird erst am 18. Juni gesprochen. Trichet kann das EZB-Spitzenamt nur antreten, wenn er dabei freigesprochen wird. In EU-Kreisen wird erwartet, dass die Regierungschefs in Kürze Duisenberg bitten werden, übergangsweise länger im Amt zu bleiben. Zudem muss noch die Nachfolge der Finnin Sirkka Hämäläinen im EZB-Direktorium geregelt werden.

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