Fehlende Passagiere, Milliardenverluste, Massenentlassungen
Viele US-Airlines fliegen am Rand der Pleite

Wer wissen will, wie es um die amerikanische Luftfahrt bestellt ist, muss in die Wüste schauen. Auf einer Airbase in der Nähe von Tucson, Arizona, parken Passagierjets in endlos langen Reihen. Auch die Deutsche Lufthansa hat dort nach dem Geschäftseinbruch im Gefolge des 11. September einige Boeing-Jets abgestellt - allerdings nur zum Zwischenlagern, um sie im heißen Wüstensand vor Wetterschäden zu schützen. Viele andere Flugzeuge indes kommen nie wieder zurück aus Arizona. Mehr als 5 000 haben dort schon ihre letzte Ruhe gefunden.

HB DÜSSELDORF. Vor allem die Zahl amerikanischer Stilllegungen stieg nach den Terroranschlägen rapide an. Inzwischen parken in der Wüste fast 10 % der gesamten US-Flotte - weitere dürften folgen. Ein Jahr nach den Anschlägen auf das World Trade Center gibt es kein Anzeichen dafür, wie die US-Luftfahrt aus ihrer schwersten Krise herausfinden könnte: Die durch den 11. September verschärfte Rezession im internationalen Luftverkehr hat allein 2001 zu weltweiten Airline-Verlusten von rund 16 Mrd. $ gesorgt.

Im Zentrum der Krise stehen die USA. Dort konnte allein die Soforthilfe der US-Regierung Airline-Pleiten zunächst verhindern. Doch ob American, United, Northwest oder Delta Air Lines - überall hagelt es Umsatzeinbußen und Massenentlassungen. Im ersten Halbjahr 2002 haben die US-Airlines schon wieder neue Verluste von 3,8 Mrd. $ eingeflogen.

Dass von den Top Ten im vergangenen Jahr nur der Billigflieger Southwest Airlines einen Gewinn ausweisen konnte, lässt vor allem einen Schluss zu: Die großen US-Linien sitzen in der Kostenfalle und finden wegen der immer stärkeren Billig-Konkurrenz auch nicht mehr heraus: "Die müssen endlich lernen, ihre Kosten zu drücken und Kapazitäten aus dem Markt nehmen", sagt ein Lufthansa-Manager - das heiße, weitere Jets in Arizona abzustellen.

Überholte Gehaltsstrukturen


Dabei leiden Gesellschaften wie der Lufthansa-Partner United Airlines weniger an ausbleibenden Passagieren, sondern mehr an überholten Gehaltsstrukturen, die noch aus den Boomzeiten der New Economy stammen. Egal ob Pilot, Stewardess oder Mechaniker: United zahlt seiner Belegschaft die höchsten Gehälter in der Luftfahrt. Längst hängt dieser Kostenblock dem Unternehmen wie ein Mühlstein am Hals. Letzter Ausweg: die Flucht in den Gläubigerschutz - Chapter Eleven genannt. US Airways hat diesen Weg im August bereits beschritten. Den Wettbewerbern geht es nicht viel besser: "Aus diesem Loch herauszukommen wird länger dauern, als uns allen lieb ist", schrieb Donald Carty, Chef der weltgrößten Fluglinie American Airlines, in einem Brief an die Belegschaft. Weitere 7 000 Stellen sollen beim Marktführer gestrichen werden; insgesamt beklagt die Branche bereits mehr als 100 000 Entlassungen innerhalb eines Jahres.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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