Fehltritte im Reitsport
Die Dressur steckt in der Krise

Die Dressur-Reiter geben derzeit ein verheerendes Bild ab - nicht nur sportlich, sondern auch in der Öffentlichkeit.

HB/dpa HANNOVER. Streit, Neid und jetzt auch noch ein spektakulärer Doping-Fall - die deutsche Dressur steckt in der tiefsten Krise ihrer Geschichte. Die erfolgreichste olympische Sportdisziplin des Landes gibt seit mehreren Monaten ein verheerendes Bild ab. Und bei der Europameisterschaft in sechs Wochen in Hickstead droht nun die seit mehr als 30 Jahren währende Serie von EM-, WM- und Olympia-Goldmedaillen zu reißen.

"Es kommt derzeit einges zusammen", sagte Bundestrainer Holger Schmezer (Verden) der dpa. Er war zuletzt mehr Krisenmanager als Sportlicher Leiter. In Hickstead muss er in jedem Fall auf das Weltmeister-Paar Nadine Capellmann (Würselen) und Farbenfroh verzichten. Nach der positiven Doping-Probe fehlt wahrscheinlich auch die Weltranglisten-Erste Ulla Salzgeber (Bad Wörishofen) mit Rusty. Das scheinbare sichere Mannschafts-Gold gerät in Gefahr.

Viel schlimmer aber als das mögliche Ende der beispiellosen Erfolgsserie ist das öffentliche Bild. Seit knapp einem Jahr reiht sich in der Dressur ein Ärger an den nächsten: Angefangen mit dem Streit um Salzgebers Startverzicht bei der Deutschen Meisterschaft über die mysteriöse Medikations-Kontrolle bei Ann-Kathrin Linsenhoffs (Kronberg/Taunus) Renoir und den erzwungenen Rücktritt des Dressur- Ausschuss-Vorsitzenden Uwe Mechlem bis zum Ärger über Capellmanns Nicht-Nominierung für das CHIO in Aachen. Dazu kommt das gespannte Verhältnis von vielen Beteiligten innerhalb des Dressur-Lagers, das zuweilen von Neid, Missgunst und öffentlichen Angriffen geprägt ist.

Kein klärendes Gespräch

Zuletzt hatte Capellmann dem Bundestrainer und dem neuen Ausschuss-Vorsitzenden Ferdi-Jörgen Wassermeier "charakterliche Probleme" vorgehalten. Ein klärendes Gespräch gab es bisher nicht. Ob sie sich mit ihrem Zweitpferd Gracioso für einen Platz im EM-Team bewirbt, lässt die Doppel-Weltmeisterin weiter offen. "Es wird spannend", sagte Capellmann zu den Erfolgsaussichten des deutschen Teams in Hickstead.

"Das ist nichts Disziplin-Spezifisches", kommentierte Thomas Hartwig, bei der Reiterlichen Vereinigung (FN) für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig, die anhaltenden negativen Schlagzeilen. Der PR-Stratege des Verbandes erklärte, dass der am Dienstag bekannt gewordene Doping-Fall nichts mit den anderen Problemen zu tun habe. Ein schlechter Beigeschmack und reichlich Klärungsbedarf bleiben dennoch.

Junge Pferde mit Erfolgsaussichten

Der Bundestrainer ist sichtlich genervt von den verschiedenen Vorfällen, hält sich aber mit Kommentierungen zurück. Mit Blick auf die EM sieht er mehrere junge Pferde mit Erfolgsaussichten, darunter Bonaparte von Heike Kemmer (Winsen/Aller) und Satchmo von Isabell Werth (Mellendorf). Einzige EM-Sichtung sind die nationalen Meisterschaften in zehn Tagen in Gera.

Die Meinungen im Doping-Fall um Ulla Salzgebers Rusty gehen indes auseinander. Bei dem Wallach war nach dem Weltcup-Sieg Ende März in Göteborg die verbotene Substanz Testosteron festgestellt worden. Ulla Salzgeber führt das Ergebnis auf eine vorherige Behandlung einer Hautkrankheit zurück. Veterinär Michael Paar von der "Klinik für Pferde" in Sottrum erklärte im Bremer "Weser-Kurier", die Behandlung einer Hautkrankheit bei Pferden mit Testosteron sei "mit Sicherheit sehr ungewöhnlich". Der deutsche Mannschafts-Tierarzt Björn Nolting dagegen sagte der dpa, dass Testosteron-Proprionat in Kombination mit anderen Präparaten auch bei Hautkrankheiten benutzt werde. "Das regt den Stoffwechsel an", erklärte Nolting. Salzgebers Heimtierarzt Hans Stihl habe die Behandlung, anders als sonst üblich, nicht mit ihm abgesprochen.

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