Feiner Zwirn für Spieler nicht mehr nötig
Roulette-Zocker sollen auch online Geld lassen

Wenn demnächst eine Mitteilungsbox auf dem PC-Bildschirm "Nichts geht mehr" anzeigt, handelt es sich nicht etwa um den klassischen Windows-Absturz - der Croupier des neuen Hamburger Online-Casinos teilt dann nur mit, dass kein Einsatz mehr möglich ist. Glücksspiele im Internet sind auch hier zu Lande auf dem Vormarsch.

HAMBURG. Am grünen Tisch auf Rot und Schwarz, Gerade und Ungerade setzen - das konnte man bislang in Deutschland nur persönlich, zumeist in feinen Zwirn gekleidet und an den Roulette-Tischen der Spielcasinos. Als erste Stadt in Deutschland will nun Hamburg seinen Bürgern und Besuchern das Spiel ums große Geld auch am Bildschirm zugänglich machen. Am 28. Oktober soll das Online-Casino der hanseatischen Spielbank starten.

"Wir planen, um echtes Geld zu spielen", sagt Spielbank-Sprecherin Gunda Windberger. Die letztenVorbereitungen liefen: "Derzeit sind wir dabei, die Änderungen zu implementieren, die der bisherige Testbetrieb mit Gummidollars gebracht hat." Die Prüfgesellschaft Price Waterhouse Coopers arbeite an der Zertifizierung.

Bisher testen die Hanseaten das Online-Spiel mit rund 2 000 Teilnehmern. Einmal eingeloggt, wird das virtuelle Konto aufgefüllt und los geht?s. Im Gegensatz zu anderen Glücksspielangeboten im Internet, die meist ein elektronisches Roulette darstellen, könne der Spieler in Hamburg den Lauf der Kugel mit Hilfe einer Webcam beobachten. "Es gibt hier alle Einsatzmöglichkeiten", sagt Gunda Windberger. "Der Spieler kann den Kessel sehen und wie der Croupier die Kugel wirft. Deshalb kann er nachvollziehen, dass es eine reale Kugel ist."

Wer spielen will, muss denn auch nicht allzu viele Hürden überwinden: "Der Spieler soll sich ein Formular ausdrucken und das mit einer Kopie des Personalausweises an uns senden", erklärt Windberger den Vorgang. Einmal registriert, eröffnet der Online-Zocker täglich sein Depot via Kreditkarte. Auf deren Konto wird dann auch die etwaige Rückbuchung erfolgt - falls Fortuna dem Spieler einmal zugeneigt sein sollte.

Genau die Einfachheit dieses Systems kritisieren Suchtexperten: Gerhard Meyer vom Institut für Psychologie und Kognitionsforschung der Universität Bremen sieht "die Gefahr, dass Menschen die Kontrolle verlieren." Und das in Hamburg geplante Live-Spiel habe noch eine ganz andere Qualität: "Man kann hier vom Wohnzimmer aus am Glücksspiel im Casino teilnehmen," sagt er. Weil über Kreditkarte gespielt werde, "wird einem nicht klar, was man an finanziellen Mitteln einsetzt." Deshalb warnt Meyer: "Man kann quasi mit einem Klick Haus und Hof verzocken."

Die leicht mögliche Manipulation von Identitäten zum Beispiel durch Jugendliche kritisiert auch der Online-Rechtexperte Stefan Kramer: "Es gibt kein eindeutig gesetzlich vorgeschriebenes Verfahren, um den Zugang von Minderjährigen zu verhindern." Nicht ohne Grund werde in den USA inzwischen mehr Geld mit Online-Casinos als mit pornographischen Webseiten verdient.

"Das Glücksspiel im Netz ist sehr lukrativ für die Anbieter", sagt denn auch Suchtexperte Meyer. Online würden mittlerweile Glücksspiele angeboten, die beispielsweise wegen der weggelassenen "Null" bessere Quoten böten, als das klassisches Glücksspiel im Casino. "Und dennoch wird dort Geld verdient", betont er.

Kein Wunder, dass die Hamburger schon am Ausbau arbeiten: Zwar beschränke sich die Spielbank vorerst auf das Spiel mit der Kugel. Wenn Roulette einschlage, " werden wir das vielleicht auf andere Spiele ausweiten", sagt Gunda Windberger. Denn hier ist das Potenzial beachtlich, aber die Konkurrenz auch schon längst aktiv.

Nach einer Umfrage der Management- und Technologieberatung Sapient GmbH unter 35 führenden Anbietern von Online-Gambling wird bereits 2006 der Anteil der digitalen Kanäle am Glücksspielmarkt auf 48 Prozent geschätzt. Gut 14 Prozent dürften auf interaktives TV entfallen - Medienunternehmen dürften verstärkt in den Glücksspielmarkt drängen -, 11 Prozent auf Mobile-Gambling und 23 Prozent auf das Internet. Für 2003 erwarten die Unternehmen eine Steigerung des Anteils von Multichannel-Gambling auf 36 Prozent. Schon heute verzeichnen Seiten wie www.tip24.de, www.jaxx.de oder www.sportwettenonline.de reges Besucheraufkommen.

Allerdings müssen die Anbieter solcher Seiten noch einige Hausaufgaben machen. Denn eines ist sicher: Anwender akzeptieren nur gut gemachte Angebote. Grafik, Inhalt, Navigation und Funktionalität müssen stimmen. "Gerade bei mobilen Angeboten ist die Industrie noch ein weites Stück von einem nutzeradäquaten und mehrwertigen Angebot entfernt", räumt Martin Oelbermann, Berater bei Sapient in Deutschland ein. Mit anderen Worten: alles noch zu kompliziert und unattraktiv. Dann vielleicht doch lieber auf die gute alte kleine Glückskugel in der Hamburger Web-Cam glotzen, statt auf das Handy-Display.

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