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Feinschmecker im Land des Fast Food

"Noch ein Stück Morbier oder doch lieber etwas von dem Talegio. Der hat genau die richtige Reife", sagt der schwarze Verkäufer mit der grünen Schürze.

"Noch ein Stück Morbier oder doch lieber etwas von dem Talegio. Der hat genau die richtige Reife", sagt der schwarze Verkäufer mit der grünen Schürze. Etwas unschlüssig stehe ich vor der gut gefüllten Käsetheke und der Europäer in mir fühlt sich wie zu Hause: fast 100 Leckerbissen zur Auswahl. Nebenan schneidet eine Frau gerade Prosciutto - direkt aus Parma importiert. Und ein Stück weiter wird frisches Biobrot gebacken. Der ganze Laden erscheint wie ein Gourmet-Tempel, eine Hommage an den guten und gesunden Geschmack.
Nein, wir befinden uns nicht in Paris, sondern in White Plains, einer Kleinstadt vor den Toren New Yorks. Hier hat kürzlich die Lebensmittelkette Whole Foods ein neues Geschäft eröffnet. Wer Supermärkte in den USA kennt, weiß ihr reichhaltiges Angebot, die breiten Gänge zwischen den Regalen und den guten und freundlichen Service zu schätzen. Für Feinschmecker sind diese Konsumtempel jedoch oft eine Einöde. Nach einem besonderen Käse, frischem Brot und speziellen Kräutern sucht man hier meist vergebens. Der Geschmack der Masse dominiert das Angebot.
Anders bei Whole Foods. Das Unternehmen aus Texas hat Frische, Qualität und Gesundheit zu seinen Markenzeichen erklärt. Gemüse und Obst kommen aus dem organischen Anbau, Fleisch und Fisch sind mit dem Ökosiegel versehen. Brot wird frisch gebacken, die Kosmetika wurden nicht in Tierversuchen getestet. Und verpackt wird der Einkauf in recyclebaren Papiertüten. Das wäre selbst im Land des Fast Foods noch keine Sensation, wenn es sich bei Whole Foods um einen kleinen Krauter handeln würde. Amerika ist schließlich das Land der Widersprüche, wo sich schon mal ein Bioladen direkt neben McDonald's befindet.
Aber Whole Foods ist ein schnell wachsender Konzern mit einem Jahresumsatz von fast vier Mrd. Dollar. Mehr als 170 Geschäfte gibt es landesweit bereits und weitere 65 Gourmet-Supermärkte sollen dazukommen. Die Börse folgt dem Ökotrip der US-Verbraucher und hat den Kurs zwischenzeitlich auf das 42fache des erwarteten Gewinns geschraubt. Solche Bewertungen erreichen sonst nur High-Tech-Überflieger wie Google.
Müssen wir also unser Vorurteil über die Fast-Food-Gesellschaft revidieren? Professionelle Feinschmecker wie Wolfram Siebeck warten noch ab. Kommen doch die französischen Vorkoster von der Gourmet-Bibel Michelin im November nach New York und werden ihren ersten Führer durch die Küchen Manhattans präsentieren. Vielleicht entdecken auch sie ja, dass wir mit unseren Klischees über Amerika nicht immer auf dem Laufenden sind. ZEIT-Autor Siebeck bleibt mit seinen Vorurteilen allerdings lieber zu Hause. Er habe keine Lust auf drangsalierende Sheriffs, mit Handschellen klirrende Einreisebeamte und patriotische Gefühlsausbrüche, ließ er seine Leser wissen. Wie lautet doch ein Sprichwort aus Siebecks Arbeitsstätte Hamburg: Die besten Kapitäne sitzen an Land.


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