Feldforschung
Auch nur ein Mensch

Lothar Binding ist seit 1998 Mitglied des Bundestages. Der 58-Jährige ist gelernter Starkstromelektriker und studierter Mathematiker. Und in diesem Jahr hat er ein Buch veröffentlicht, das er "Kalter Rauch, der Anfang vom Ende der Kippenrepublik" genannt hat. Nun lässt sich aus seinem Lebenslauf nicht entnehmen, ob Binding je an einer Zigarette gezogen hat.
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In jedem Fall ist er heute bekennender Nichtraucher. So bekennend, dass er den parteiübergreifenden Antrag zum Nichtraucherschutz initiierte, der heute als Basis für das Nichtraucherschutzgesetz und für zahlreiche Ländergesetze zum Schutz vor Passivrauchen gilt.

Binding meint es also gut mit den Menschen, abgesehen davon, dass er sich in zahlreichen Wirtshäusern nicht mehr blicken lassen kann, sollten sie noch keinen Insolvenzantrag gestellt und ihren Laden haben dichtmachen müssen. Zum Wohle der Frischluft in den deutschen Lungen wird Binding nimmermüde, die Raucher zu brandmarken und zu isolieren. Auch vor Vorbildern macht er nicht halt. So maßregelte er nach dem 3:2-Sieg der Deutschen im Viertelfinale gegen Portugal auch Joachim Löw, nur weil er sich nach dem Anschlusstreffer der Portugiesen eine "Genusszigarette" gönnte. Dabei hatte sich Löw im Gegensatz zu seinem kroatischen Kollegen Slaven Bilic, der ungeniert auf der Trainerbank eine durchzog, schon in einen Glaskasten der Uefa verzogen, um seinem Laster nachgehen zu können. Dort qualmte er vor sich hin, eingesperrt wie viele Raucher an Deutschlands Bahnhöfen und Flughäfen in einem Separee aus Glas. Chefscout Urs Siegenthaler, der ihm Beistand leistete, hätte sich beschweren dürfen, aber es war Binding, der nicht einmal im Stadion war.

Er sei doch auch nur ein Mensch, sagte der Bundestrainer. Und er rauche eben manchmal eine Zigarette oder trinke ein Glas Rotwein. In den EM-Stadien wird ohnehin gequalmt, was das Zeug hält. Und ob die russischen Fans am Samstag allein deshalb so fröhlich waren, weil ihre Mannschaft Holland schwindelig spielte?

Löw hätte schließlich auch zu den Aspirin-Tabletten greifen können, die ihm die Uefa gereicht hatte. Auch das hätte Binding kritisieren können, schließlich zählen die Spätfolgen regelmäßigen Aspirin-Konsums zu den 15 häufigsten Todesursachen. Nur wissen das laut "New England Journal of Medicine" 75 Prozent der Menschen nicht.

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